Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 30 (17.7.1848)
- Date
- 1848-07-17
- Page
- Seite 433 (sequence 9)
- Language
- German
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438 Damit aber endlich auch der ganz Arme, der selbst die genannten Ausgaben zu bestreiten nicht im Stande ist, ja selbst der Gefallene, wenn er nur ein Zeugniß seiner Besserung Seitens seiner Gemeinde beibringen kann, der Wohlthat, einen eigenen Heerd zu besitzen, theilhast werde, so ruft der Unterzeichnete alle jüdischen Gemeinden, die sein Unternehmen zeitgemäß finden, und ihre Angehörigen unterbringen wollen, hiermit auf: einen Verein zur Unterstützung derartiger Armen bei ihrer Niederlassung in einer solchen Kolonie zu gründen, und erklärt zugleich gern einem solchen Vereine beizütreten und denselben in seinen menschenfreundlichen Bestrebungen unterstützen zu wollen. Keineswegs verkennt der Unterzeichnete die Schwierigkeiten seines Unternehmens, insbesondere in gegenwärtigen Zeitverhältniffen, meint aber, es müsse vereinten Kräften, und unverdrossener Ausdauer gelingen, jegliche Schwierigkeit zu überwinden, und er wird wohlgemeinten, auf Erfahrungen in dieser Angelegenheit gegründeten Rath von Jedermann dankbar annehmen. — Sollte > das Unternehmen freundliche Theilnahme, ja sogar bei anderen Gutsbesitzern Nachahmung finden, so würde der Unterzeichnete sich dadurch am Schönsten für seine Bemühungen belohnt sehen. Um nicht gar zu sehr mit Anmeldungen und Korrespondenzen in dieser Angelegenheit von Einzelnen überhäuft zu werden, so ergeht hiermit an die Vorstände jüdischer Gemeinden die Bitte, Anmeldungen zur Niederlassung in der zu gründenden Kolonie freundlichst annehmen und mir dann, nicht einzeln, sondern in größerer Anzahl zukommen zu lassen. Uebrigens ist der Kondukteur Taurke in Kirchberg beauftragt, die Baustellen denen anzuweisen, welche sich mildem betreffenden Annahmescheine zur Aufnahme in die Kolonie ausweisen können. Schloß Zülz in Oberschlesien, im Juni 1848,., Der Gutsbesitzer Berliner. (Bemerkung der Redaktion. Wir können nur auf den leitenden Artikel in voriger Nummer verweisen, den wir niedergeschrieben, bevor uns der Aufruf des Herrn Gutsbesitzers Berliner zugekommen. Weiteres bespricht der heutige leitende Artikel.) Berlin, 9. Juli. (Privatmitth.) DieBedrängniß, in welcher sich die hiesige Gemeinde befindet, und die sie zu außerordentlichen ‘ Reduktionen ihrer Ausgaben zwingt, lenkt unsere Blicke weiterhin. Wir sehdn überall, daß die neuesten Ereignisse vielfach Verarmung im Schooße der jüdischen Gemeinden hervorgebracht. Ihr Hamburger Korrespondent hat es aus Hamburg, Ihr prager aus Prag bemerkt, und es ist nicht anders, als von anderen großen Plätzen, wie z. B. Wien, vorauszusetzen. Die-Ursachen dieser traurigen Ergebnisse liegen auf der Hand. Im Ganzen war der Jude schon lange arm; sein Mittelstand beruhte auf dem lokalen Verkehr, mit dessen Stockung seine Erwerbsquellen versiegen;, derselbe war ganz und gar auf den täglichen Verkehr angewiesen, so daß mit dessen Verringerung schon sein Zustand ängstigend wurde; die Neichen aber waren dies, nicht in unbeweglichen Gütern, sondern im Bereiche des Manufakturhandels im Großen, des höhern Fabrikwesens und der Spekulation, sei es in Produkten, sei e-s im Papierhandel und Bankierwesen. Diese haben aber sämmtlich einen furchtbaren Stoß erhalten, einen Stoß, der einem Zusammensturz aller dieser Geschäftszweige gleichkam, das Vermögen in Papieren sank dabei in seinem Werthe um fast die Hälfte. So ist die Verarmung innerhalb der -jüdischen Gemeinden sehr erklärlich. Wo Alles auf einem erkünstelten Zustande beruht, da ist, wenn ein Glied in der Kette reißt, der ganze Zusammenhalt zerrissen. Diese allgemeinen Vorgänge müssen nothwendig überall dieselben Wirkungen Hervorrufen. Die jüdischen Gemeinden beruhen überall auf Einkommensteuern; wo sie Vermögen haben, und das ist höchst selten der Fall, besteht es in Kapitalfonds. Von Ersparnissen war noch seltener in den jüdischen Gemeinden die Rede, und konnte es auch nicht sein, da man eben das Einkommen nur nach den Ausgaben bemaß, und die Bedürfnisse der Gemeinde immer schon hohe Steuern genug erforderten. Während daher die christliche Kirche die Stöße der Zeit ruhig mit ansehen kann, da sie meist liegende Gründe besitzt, und wo nicht, vom Staate reichlich erhalten wird: mußten die jüdischen Gemeinden in Deutschland diese Stöße tief empfinden, da sie lediglich auf die Einkommensteuern angewiesen waren, und vom Staate in der Regel gar keine, oder doch nur eine verhältnißmäßig sehr geringe Subvention erhielten. Was ist aber hier nun zu thun? Wir sthen von Oertlichkeiten ab, und können die - allgemeine Regel aufstellen — daß die jüdischen Gemeinden ihre Aus- 30*