Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 30 (17.7.1848)
- Date
- 1848-07-17
- Page
- Seite 429 (sequence 5)
- Language
- German
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429 Reformfreunden gewähltes Komite, Euch beigefügtes, von denselben zu dem ihrigen gemachtes, Programm zu übermachen, in welchem die Gründzüge unsers Glaubensbekenntnisses niedergelegt sind. Prüft es reiflich und legt Eure wenn auch abweichenden Ansichten dazu nieder, wenn Ihr es nicht vorziehen solltet, durch ein ähnliches Eurer religiösen Ueberzeugung einen entsprechenden Ausdruck zu geben. In wenigen Lagen kann dies geschehen sein. — Dann wollen wir uns bis zum 23. Juli zu einer Berathung hier versammeln, zu welcher wir Euch oder Eure Abgeordneten hiermit mit der Bitte, uns zuvor die Zahl derLheilnehmer anzuzeigen, herzlich einladen. Unsere durch geschichtliche Erinnerungen berühmte Stadt dürfte sich hierzu besonders eignen. Sie ward einst die Mutter der Gemeinden Israels genannt: wir hoffen, daß durch unsre Versammlung von ihr wieder ein neuer, kräftiger und belebender Geist für die Synagoge Deutschlands ausgehen wird, so wie wir uns des ernsten Willens, des aufrichtigen Strebens und der Reinheit unserer Absichten bewußt sind. — Genehmigt unfern glaubensbrüderlichen Gruß." Worms, 23. Juni 1848. Das Komite der jüd. Reformfreunde zu Worms: M.Edinger, JakobFulda, FelixGernsheim, C. M. Goldschmidt, F. Langenbach, Emanuel Marx. Hieran reiht sich folgendes „Programm der Reformfreunde in der jüdischen Religionsgemeinde zu Worms. 1) Wir begrüßen die in unserm Vaterlande errungene, vollständige Gewissensfreiheit als den glänzendsten Sieg wahrhafter Religiosität, da die Religion in der göttlichen Freiheit des Menschen ihren Ausgangspunkt hat und nur in freier Aneignung und Entwickelung wahrhaft gedeihen kann. 2) Von dieser Gewissensfreiheit den vollen Gebrauch zu machen, halten wir daher auch für die Pflicht eines Jeden, dem die Religion nicht gleichgiltig ist. 3) Wir wollen daher vollständige Gewissensfreiheit auch auf dem Gebiete des Judenthums und weisen darum jede Bevormundung nicht nur von außen, sondern auch von innen entschieden zurück. Um die Gewissensfreiheit unter uns zur Wahrheit zu machen, wollen wir unsrer religiösen Ueberzeugung auch einen entsprechenden Ausdruck schaffen, wollen wir dahin arbeiten, daß sich unser häusliches Leben gemäß derselben gestalte, daß sie sich in unserm Kultus darstelle, daß unsere Kinder in ihr offen und entschieden ohne Rückhalt und Schwanken belehrt und erzogen werden. 4) Wir bedauern, daß unsere übrigen Glaubensbrüder noch nicht zu diesem freien Standpunkt, der vom Judenthum gefordert wird und den die Gegenwart in allen ^Richtungen anstrebt, gelangt sind, daß sie durch die Schuld einer unerquicklichen Vergangenheit hinter der Anforderung unsrer Religion wie unsrer Zeit zurückstehen, leben aber der festen Zuversicht, daß die Zukunft sie sämmtlich auf ihn hinführt. 5) Unsre Absicht ist daher nicht ein Schisma in der Judenheit hervorzurufen, wir erkennen vielmehr, vor wie nach, in allen Angehörigen derselben nicht nur unsere Brüder — als Solche erkennen wir alle Menschen, nach dem Ausspruche des Propheten: Haben wir nicht Alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns geschaffen — sondern auch unsere Glaubensbrüder. Wir wissen uns in Einheit mit ihnen durch eine gemeinschaftliche freuden- und leidenvolle Geschichte, durch den geistigen Gehalt unsers Glaubens und Kultus, durch die heilige Schrift, mit der auch uns der geschichtlich entwickelte Geist des Judenthums (die Tradition) verbindet, aus der auch wir die Lehren des Glaubens schöpfen, die auch uns zur Richtschnur für unsem religiösen und sittlichen Lebenswandel dient, durch die gemeinschaftliche Hoffnung auf ein glorreiches Ziel der Geschichte, das einst allen Menschen den Frieden bringt, alle in Liebe vereinigt zum Wandel im göttlichen Lichte. 6) Wir wollen nur eine besondere Gemeinde bilden, weil viele bis jetzt bestehenden Gemeindeinstitutionen keinen Ausdruck unsrer religiösen Ueberzeugung bilden, eine Menge von noch geltenden Zeremonien unser religiöses Bedürfniß nicht befriedigt und sonst noch manche als religiöse überlieferten, noch nicht durch eine offene Erklärung abrogirten Vorschriften in schneidendem Widerspruche mit unsrer religiösen Gesinnung stehen. Sich aber äußerlich zu einer Gemeinde bekennen, deren Institutionen, Zeremonien und Vorschriften zum großen Theile dem Innern widerstreben, darin sehen wir eine Lüge, die der wahre Geist des Judenthums, das auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegründet ist, zu allen Zeiten von sich wies, und welcher für uns und unsere Angehörigen ein Ende zu machen, wir für unsre erste Pflicht halten. 7) Wir wollen eine besondere Gemeinde bilden,