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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-07-17 · Heft 30 (17.7.1848) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 30 (17.7.1848)
Date
1848-07-17
Page
Seite 428 (sequence 4)
Language
German
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428 Ungerechteste rechtfertigen mußte, ist gebrochen; gelten soll fortan nur, was in sich selbst seine Berechtigung trägt, sich durch sich selbst rechtfertigt. Der Lüge helfen fortan die Jahre ihres Bestehens nicht mehr, die Zeit Hai es endlich begriffen, daß die junge Wahrheit allein die Ehre des Alters für sich hat, da sie vom Anbeginne her ist. Der Stab ist gebrochen über den leeren Formalismusder an unserm besten Marke zehrte und jeder lebenskräftigen Entwickelung hemmend in den Weg trat, die lebendig gewordene Zeit will das Todte begraben wissen, damit Alles Leben athme. Der Lebensbaum der Geschichte hat seine welken Blatter abgeschüttelt, damit ungehindert die neue Blüthe sich ansetze. Im Sturme kündet sich der neue Frühling der Völker an, und alle Herzen, die nicht zu hoffen verlernt haben, jubeln ihm entgegen; wer im starren Winter die Kraft nicht eingebüßt, rüstet sich, ihn würdig zu empfangen. Sollen wir, die wir alljährlich seit undenklicher Zeit das Fest der Freiheit feiern, allein unthätig bleiben, die wir für die Wahrheit zuerst auf den Kampfplatz der Weltgeschichte traten, sollen wir stumpfsinnig die Hände in den Schooß legen, während die Wahrheit ihr glorreiches Banner aufrollt? Wir habender Knechtschaft Widerstand geleistet, wie keine ändere Gemeinschaft, wir haben darum auch besonders das Recht und die Pflicht unsre volle Thätigkeit zu entwickeln, da die Freiheit ihren Triumph feiert. Und wir haben wahrlich unsre volle Thätigkeit zu entwickeln, wenn wir mit der Errungenschaft der Gegenwart auch auf unserm religiösen Gebiete Ernst machen, wenn wir mit unserm Judenthum als organisches Glied wieder in die Geschichte eintreten, als wahrhafte Juden im Reiche der Freiheit eine thatkräftige Stellung uns. erringen wollen. Wir müssen Wahrheit und Würde im Gottesdienst, Übereinstimmung zwischen Glauben und Leben erstreben, leere Formen entfernen, dem Geiste des Juden- Ihums neue Institutionen schaffen. Wir dürfen nicht mehr mit dem Munde um die Rückkehr nach Palästina, um die Wiedereinführung des blutigen Opferdienstes beten, während unser Herz doch mit allen seinen Fibern, mit den stärksten Banden an das deutsche Vaterland gekettet ist, während das Geschick desselben mit dem unfern unauflöslich verbunden, was uns lieb und theuer von ihm umschlossen ist, während blutige Opfer unserm durch unsre eigene Geschichte geläuterten Gefühle ein Gräuel sind. Wir dürfen nicht um die Zerstörung des Tempels in Sack und Asche trauern, während wir längst ein anderes, uns so theuer gewordenes Vaterland besitzen. Wir können alljährlich der Zerstörung des Tempels gedenken, aber wozu eine Trauer heucheln, die längst nicht mehr im Herzen haftet, und Klagelieder um eine geschichtliche Thatsache ertönen lassen, in der wir die liebevolle Hand Gottes preisen? Wir dürfen unsere Kleinen in der Religionsschule nicht mehr mit einer Masse von Satzungen behelligen lassen, die sie von den^Eltern bei Seite gesetzt sehen, die der lebendige Geist des Judenthums als todten Ballast über Bord wirft, nicht mehr in einer todten Sprache beten, während Wort und Klang unsrer deutschen Muttersprache uns ebenso verständlich als lieblich und darum allein geeignet sind, uns zu unserm Schöpfer zu erheben. Wir dürfen nicht mehr zu Hause gewisse religiöse Einrichtungen und Satzungen, weil herkömmlich, als bedeutungsvoll beibehalten, die wir draußen, als jeder Bedeutung für uns entbehrend, längst bei Seite gesetzt haben. Wohin soll dieser ewige Widerspruch zwischen Glaubenssatzung und Leben führen? Versündigung an der Wahrheit hat auf dem Gebiete der Politik jüngst verheerende Stürme heraufbeschworen; kann sie auf dem Boden der Religion, deren Mark und Wesen doch nur die Wahrheit ist, minder gefährlich sein? —Es muß endlich dieser Widerspruch gelöst, diese Todsünde der Unwahrheit und Heuchelei aus unsrer Mitte verbannt werden. Dem echten Geiste unsers Glaubens muß ein neuer Tempel auf der alten Grundveste erbaut werden, in welchem Vergangenheit und Zukunft sich versöhnen, aus welchem wieder ein jugendlich frischer und freier Lebenshauch für unsre strebsame Jugend ausgeht. Es muß das Starre im Judenthum flüssig, die spröde Satzung im Feuer des Lebens geläutert, der abgestandene Stoff wieder durch das geschichtliche Ferment in Gährung gebracht, der ganze Glaubensinhalt wieder vom Geiste ergriffen, durchgeistigt werden. Es wird dies von allen Gesinnungsvollen längst 'gefühlt, und wenn wir es unternehmen diesen Gefühlen Ausdruck zu geben, so geschieht dies nicht aus Ueberschätzung unserer schwachen Kräfte, sondern weil kein Anderer jetzt, wo uns der rechte Augenblick gekommen scheint, das Wort ergriffen hat. So erlauben wir uns denn, von diesen Gesinnungen und Bestrebungen geleitet, als von den hiesigen

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