Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 30 (17.7.1848)
- Date
- 1848-07-17
- Page
- Seite 427 (sequence 3)
- Language
- German
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427 Aufruf nebst Programm eines hiesigen Komitö's. Es lautet: „An unsere deutschen Glaubensbrüder. Unsre Religion, die reine und erhabene, die uns unversehrt durch die Fluchen der Weltgeschichte hindurchtrug, uns Licht gewährte in den Zeiten der tiefsten Finsterniß, uns mit Kraft ausrüstete, allen Gefahren zu trotzen, uns Trost spendete in den traurigsten Lagen, wurde durch den harten Druck, der Jahrtausende lang auf uns lastete, zu einem Konglomerat äußerlicher Vorschriften, die ganz des lebendigen Gedankens entbehren, maschinenmäßig ausgeübt werden, daher statt zu erheben, Niederdrücken. Mit der freiem Entwickelung des Geistes, die am Ende des vorigen Jahrhunderts in Folge der Verbesserung unsrer politischen und sozialen Stellung eintrat, siel auch alsbald ein Lichtstrahl in diese dichten Nebel, und Einzelne begannen zu erkennen, wie sehr man sich bisher verfehlte, indem man das heilige Wesen der Religion schwinden ließ und todte Formen an dessen Stelle setzte zur Verehrung des lebendigen Gottes. Die Anzahl derer, die sich' von den äußerlichen Formen lossagten, wuchs an, ohne daß dadurch wahre Religiosität gefördert worden wäre, da dem wahren Geiste keine Altäre gebaut, der Innerlichkeit keine entsprechende Institutionen geschaffen wurden. Gar arg sah es da auf dem Gebiete des Judenthums aus. Der Jndifferentismus, der Krebsschaden alles Lebens und Strebens, griff auf höchst bedauerliche Weise um sich, und der Abfall entriß uns eine Anzahl unserer talentvollsten Geister. Durch das Auftreten gesinnungstüchtiger und thatkräftiger Rabbinen ward es einigermaßen besser. Ihr begeisterter Ruf weckte einen großen Theil aus dem lethargischen Schlafe, und das lebendige Wort, das sie lebendig verkündeten, brachte Wärme und Begeisterung in die erkalteten Herzen. Wo sie wirken konnten und wirkten, ward es den Gemeinden klar, daß noch ein großes und ruhmvolles Ziel vor uns liege, daß wir an unserm Glauben, so er im Geiste der Gegenwart wieder aufersteht, einen Schatz besitzen, den wir um keinen Preis hingeben dürfen. Die Gemeinden singen an, Religionsschulen zu stiften, den Gottesdienst umzugestalten, selbst Versuche zu einer durchgreifenden Reform zu machen. Doch der Schlendrian, dem alle Zustände preis gegeben waren, ließ es auch hier zu keiner energischen That kommen. Die Zurücksetzung, mit der eine hohle Politik im Namen des romantischen christlichen Staates die Bekenner des Einig-Einzigen brandmarkte, lähmte den freien Muth. Um Allen Etwas zu geben, gab man Niemandem etwas Ganzes, wahrhaft Befriedigendes uno Erhebendes. Was geschah, war nicht eine Vermittelung der Gegensätze, eine Versöhnung zwischen Vergangenheit und Zukunft, man setzte vielmehr dem alten Gewände einen modernen Flicken auf, so daß es weder den Anhängern des Herkömmlichen, den Zeremoniellen, noch denen, welche der Fortbildung im Geiste huldigen, den Ideellen, zusagen konnte. Im Gottesdienste wurden zu den veralteten, dem Inhalte wie der Sprache nach in uns erstorbenen Gebeten, solche, die aus dem neuerwachten Leben hervorgegangen, hinzugefügt, der vermoderten Leiche die Arme eines Lebendigen eingesetzt. In der Religionsschule herrschte die Knechtschaft statt der Freiheit, da der Religionslehrer beiden Klassen in der Gemeinde verantwortlich war, zweien Herren zumal dienen mußte, da er nirgends als freier Mann sprechen, nirgends den Springquell seines Herzens ganz erschließen durste. In den Institutionen der Gemeinde ward Gegenwärtiges neben Verjährtes hingestellt, es fehlte die Gestaltung, in welcher der ganze Geist des Judenthums befriedigt gewesen wäre, er sich ganz dargestellt hatte — überall nur Stück- und Flickwerk. . Es trat ein Zustand ein, um Vieles noch unerquicklicher, denn der frühere. Der Parteikampf erwachte in den Gemeinden um das Kleinste und Uns’ bedeutendste, der nicht mehr mit Warme und Begei? sterung, wie sonst, wo es ein hohes Ziel zu erringen gilt, sondern mit der Wuth der Leidenschaft geführt wurde. Es handelte sich um einen Lappen mehr oder weniger und gekämpft ward mit einer He'tigkeit und Erbitterung, die nur schaden. Nichts nützen konnte. Wie hätte es auch anders sein können in einer gereizten Zeit, wo jede Kraftäußerung Demagogie war, und jeder Frische mit Mißtrauen begegnet wurdet Da brachen die Ereignisse der jüngsten Monate wellerscbütternd herein, die ganze, ungelheilte Freiheit in allen Richtungen der Gesellschaft ward in ganz Deutschland, ja fast in ganz Europa das heilige Losungswort. Der freie Geist feiert seinen Sieg über alles ihm Widersprechende und Widerstrebende, er schleuderte die Zwangsjacke weit weg, in welcher Vorurtheil unh Bevormundung ihn solange geschnürt hielten. Diss Macht der falschen Autorität, welche bis jetzt auch daß