Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 423 (sequence 15)
- Language
- German
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423 Rabbi sing an sich in einen gebildeten Jugendlehrer umzufchaffen und wurde als Solcher in der Gemeinde vorzüglich geachtet, jedoch nicht selten auch wegen seiner Neologie verfolgt und angefeindet. Um Letztere hatten die Lehrer Deutschlands große Verdienste. Die Schule, sonst nicht selten die Zielscheibe des Spottes, trat in verschiedener Beziehung in einen respektabeln Zustand. Statt daß früher in dem Lehrzimmer gewalkt, gebügelt, geklatscht, gesponnen, kurz alle häuslichen Verrichtungen vorgenommen wurden, wurde seitdem ein besonderes, den Unterricht in keinerlei Weise störendes Lokal beschafft. Freilich wurde dadurch der Lachlust der Schüler manche Nahrung entzogen, denn es fehlte seitdem an dem Gackern des die Schule fleißig besuchenden Huhnes und an dem Gigiricki des stolz einherschreitenden Hahnes; doch erhielten sie dafür durch den eingeführten Schulgesang einigen Ersatz. Statt daß ehemals der Lehrer um des täglichen lieben Brods willen über manche Unsittlichkeit der ihm anvertrauten Schuljugend das Auge zudrücken mußte; kann er jetzt allen Ernst anwenden, weil er nicht mehr von der Gemeinde dependirt. Statt daß er ehemals als Gar?on isolirt da stand, wird ihm nun das Leben an der Seite einer Gattin, die er ernähren kann, erfreulicher und bequemer. Statt der ehemaligen Familiaritäten, die er mit Hauswirthen und Knechten als seinen Tisch- und Bettgenossen eingehen mußte, wenn ihm das Leben nicht blutsauer gemacht werden sollte, wird ihm nun die Ehre des Hutabnehmens erwiesen, und das populäre Ihr bei der Anrede ist von Seiten der Gemeinde in das non plus ultra, in das feinere Sie übergegangen. Die Achtung, die dem Lehrer die veränderten Dehors zuwege bringen, hat einen wohlthätigen Einfluß auf seine Wirksamkeit in der Schule. Ich brauche wol nicht zu sagen, daß das Vorwäctsstreben und die Würdigung des Unterrichts keineswegs allenthalben gewesen, oder daß dasselbe einen solchen Fortgang genommen, daß eine Verbesserung nunmehr überflüssig wäre. Auch die Sache der jüdischen Erziehung hat das^ Loos alles Irdischen getroffen und ist ihr Zweck noch heute weder von derGesammtmasse der Gebildeten, noch der Ungebildeten in seiner Reinheit und Erhabenheit aufgefaßt worden. Thorheit und Unverstand, Vorurtheile und vorgefaßte Meinungen, Trägheit und Bequemlichkeit, Weltlust und Geldgeiz, und was füglich das Schlimmste unter Allem genannt werden mag, Unempfänglichkeit und absichtliches Verkennen der heiligsten Interessen der Menschheit, haben den fröhlichen Fortgang der Anstalten gehindert und aufgehalten, die mit Recht die Krone und Blüthe des Menschenlebens genannt werden. — Noch wird die Mehrheit d'er Lehrer gleich dem Nachtwächter von den Gliedern der Gemeinden nach Stkmmeneknhelligkeit gewählt*); das blutige Schächterhandwerk ist immer noch bei der Mehrzahl der Gemeinden ein widriges und lästiges Beiwerk (oder Hauptwerk?) des Lehrerdienstes **). Noch bestehen die Winkelschulen, noch schmachten Lehrer an der Hecbeischaffung des Nothwendigsten, noch wird für ihre Vor-, Fort- und Ausbildung wenig Sorge getragen, Schulhäuser und Schulapparat liegt im Allgemeinen noch im Argen rc., kurz die Sucht vieler jüdischen Gemeindennach äußerem Pomp hat bisher größtentheils nur Wucherblumen und Wasserreiser getrieben. Vor Allem müssen — wenn man von der Schule die Leistungen verlangen will, die sie gewähren kann und soll — die Lehrer in Bezug auf Befähigung und Streben genügende Ausbildung in jüdischen Seminarien erlangen, christliche bilden nur halbe jüdische Lehrer. .Diese jüdischen Seminarien müssen eine solche pädagogische und wissenschaftliche Einrichtung erhalten, daß sie ihren Zweck auch vollkommen erreichen können. Der jüdische Lehrer bedarf einer höhern Ausbildung als sein christlicher Kollege, da er den Rabbiner in Miniatur zu vertreten hat. Den Lehrern muß ferner gebührende Achtung und ausreichende Besoldung gleich anderen Angestellten, die ihre Dienste dem allgemeinen Besten widmen, gewährt werden, damit sie in die ökonomische Lage kommen, die ihnen gestattet, wenigstens frei zu athmen, und nicht mit dem hohlen Auge der Sorge hinaus in's darbende Leben zu blicken. Daß *) Ein Weiteres über diesen Punkt habe ich der Block'schen Schulzeitung unter der Aufschrift: „Ueber das Pcasentationsrecht der Gemeinden u. f. w." geliefert, wohin ich hiermit verweise. **) Auch hiebei finden sich in der genannten Schul-' zeitung ausführliche Aufsatze von meiner Hand. Merkwürdig ist's, daß dieselben sich den Widerwillen mehrerer meiner Kollegen zuzogen. Es erinnert mich dies an den römischen Kaiser Vespasian, der von Titus zur Rede gestellt wurde, weil er sogar auf den Harn eine Abgabe legte. Der Monarch nahm einige aus dieser Geldquelle eingegangene Geldstücke und hielt sie seinem Sohne mit den Worten vor die Nase: „Versuche es doch, sie riechen gewiß nicht übel!" — Den Senatoren, die ihn einmal den Vorschlag brachten, für ihn eine Bildsäule für dritthalbtausend Denaren errichten zu lassen, streckte ec lächelnd die hohle Hand dar und sprach: „Nicht doch! Gebt dies Geld lieber mir und macht diese Hand zum Piedestal dazu.