Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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417 Wien, 22. Juni. Die A. Dest. Zeitung enthält aus Kollin in Böhmen folgenden Artikel: Es dürste den Lesern dieses Blattes/ die den jüngsten Ereignissen in der Moldaustadt mit Spannung folgten, nicht uninteressant sein, deren Rückwirkungen auf die Landstädte, namentlich auf Kollin, zn erfahren. Am 14. Mittags langte am kolliner Stationsplatze der Prager Morgenzug, und mit ihm viele Mitglieder der Swornost an, welche erzählten, daß Prag bombardirt werde, und das aufgeregte Volk haranguirten, den Landsturm sogleich zu organisiren und ihren czechischen Brüdern zu Hilfe zu eilen; sie fanden jedoch wenig Anklang. Mittwoch Mittags kamen eine Menge Flüchtlinge, Deutsche und Juden, hier an, und abermals viele Emissäre und Aufwiegler, welche auf dem Marktplatze verkündeten, daß die prager Juden es mit dem Militär hielten, und. dasselbe mit Munition und Lebensmitteln aller Art versehen, der da stationirte Polizei- Kommissar Bakowsky trug das Seinige bei, den Pöbel aufzureizen, vertheilte unter die vornehmsten Schreier Geld, und veranlaßte so, daß einige Verkaufsbuden auf dem Platze niedergenffen und geplündert wurden, jedoch durch das energische Einschreiten des wackern Schützenhauptmanns Knirsch, und durch das dem Pöbel gemachte Versprechen, daß die prager Juden mit dem nächsten Zuge Kollin verlassen werden, was auch größtentheils geschah, ward der Plünderungswuth Einhalt gethan. Der nächste Morgenträn brachte wieder eine Menge Czechen, mit der Nachricht, daß Prag an allen Seiten in Flammen stehe, und zugleich dem da garnisonirenden Bataillon Khevenhüller MaVschordre nach Prag; kaum hatte das Militär die Stadt.verlassen, als der Terrorismus begann. Die Magistratsräthe Hlawka und Golcz forderten den auf eigene Kosten bewaffneten Juden der Nationalgarde die Waffen ab, und als sie Widerstand fanden, riefen sie den fanatisirten Pöbel, der kurze Zeit zuvor bei Gelegenheit einer vom Stadtpfarrer im Geiste des wahren Christenthums gehaltenen, das Ausschließungssystem verpönenden, trefflichen Predigt, eine nicht unbeträchtliche Summe zur Uniformirung und Armirung unbemittelter Garden von den Juden annahm, zu Hilfe. Schon hatte es den Anschein, als sollten in Kollin die preßburger Szenen 'aufgeführt werden, man fügte sich und lieferte sammtliche Waffen ab, nun verlangte man aber, daß alle waffenfähige jüdische Mannschaft mit nach Prag ziehen muffe, die Art der Bewaffnung überlasse man ihrem freien Willen. Es wurde Generalmarsch geschlagen, die Nationalgarde rückte aus, und die Juden ohne Waffen, und trostlos, eine ihnen fremde Sache vertheitiaen zu müssen, entschlossen sich, nachdem genannte Magistratsräthe öffentlich erklärten, daß sie im Weigerungsfälle nur Plünderung und Mord gewärtigen, und es sich übrigens zur Ehre rechnen sollten, mit nach Prag ziehen zu dürfen, dreißig junge Leute mitziehen zu lassen. Diese gingen Abends mit 80 anderen Freischälern, nachdem ihnen der Pfarrer öffentlich den Segen ertheilen, und ihre Revolutionsfahne weihen mußte, unter wüthendem Geschrei und Trommelschlag nach Prag ab. Freitag früh begann der Sturm von Neuem, indem die zurückgebliebenen Emissäre die Zahl der abgezogenen Freischärler als zu gering angaben. Daher gingen Mittags wieder ungefähr 30 Schützen und mehrere Juden ab, und die Zurückgebliebenen befanden sich in unausgesetzter Furcht vor Plünderung, bis man Samstag Mittags von Prag die Nachricht brachte, - daß die Militärgewalt gesiegt habe. Dieß stillte einigermaßen die Aufregung, und brachte auch den geängstigten Juden einige Ruhe. Es wäre um der Ruhe und Sicherheit so vieler tausend gefährdeter, treuer Unterthanen willen, dringend nothwendig, daß vom Ministerium des Innern auch in den genannten Landstädten strenge Untersuchungen gegen die Magistratsbeamten, welche überall, an der Spitze waren, angeordnet würden. Es würde dadurch der Schleier, der noch über die ganze Verschwörung schwebt, bedeutend gelichtet. Wien, 25. Juni. (Privatmitth.) Wer hält nicht Wien jetzt für den Sitz der höchsten Freisinnigkeit? Es mag es sein in jedem andern Bezüge; hinsichtlich der Jud^n sind wir dessen noch nicht ganz sicher. Die Wghlen zum österreichischen Reichstage sind am Gange. Da^ sucht man den Juden, weil man ihr Wahlrecht nicht mehr streitig machen kann, ihre Wählbarkeit zu leugnen, und wenn man dies nicht kann, sucht man sie zu schrecken, und droht ihnen. Ueber solche Mannövers müssen wir klar sein. Ich zitire Ihnen einen Artikel aus der A.Oesterr. Ztg. von gestern: „In Betreff des neuen Wahlgesetzes wird man keinen Widerspruch erfahren, wenn man behauptet, daß die Aenderungen verschiedener Paragraphe während seiner Ausübung sehr betrübende Folgen hervorgerufen 29*