Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
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414 girt und in ihrem redlichen Wirken unterbrochen werden können. Hochgeehrte Kollegen von nah und fern! Es unterliegt keinem Zweifel, daß nur durch ein einheitliches Streben und Zusammenwirken, das Beste erreicht wird. Daher rufen euch viele Stimmen aus der Rheinprovinz zur Aufmunterung auf, daß ihr, lieben Brüder, nach Kräften in diesem bedeutungsvollen Momente, in welchem unser Geschick, vielleicht für's ganze Leben, sich entscheiden soll, eure Stimmen erhebet, um eure gerechten Ansprüche geltend zu machen. Sehet nicht müßig den namhaften Bewegungen der Zeit zu, machet (wie es hier durch den achtenswerthen Dr. H—e in ergreifenden Worten geschah) in den Kreiskonferenzen unsere christlichen Kollegen mit dem herabwürdigenden und unglücklichen Verhältnisse des jüdischen Lehrers bekannt, scheuet euch nicht das auszusprechen, wovon euer Herz überfüllt ist, damit alle Lehrer aus allen Versammlungen eure Wünsche zu den ihrigen machen und so einem Mißstand abgeholfen werde, der gleich verderblich für Lehrer und Schuljugend ist. Duldet nicht ferner die Kränkungen und Verleumdungen eines jeden Ignoranten und Klatschweibes in euren Gemeinden, wahret eure Ehre vielmehr und gebet zu erkennen, daß jeder jüdische Lehrer die Behandlungen schmerzlich, mit blutendem Herzen empfunden hat, aber bis jetzt weder Gelegenheit noch willige Herzen fand, welche sich geneigt zeigten diesem Uebel abzuhelfen. Jetzt aber ist es anders geworden. Der Minister selbst hat es ausgesprochen, die Lage der Lehrer (auch der jüdischen) soll eine andere, eine bessere werden. Darum zeiget aber auch die wunden Flecken, um die in manchen Gemeinden, besonders diesseitiger Gegend, an's Unglaubliche grenzende Behandlung der Lehrer an's Tageslicht zu bringen. Die Leute können und wollen es noch immer nicht fühlen, daß mit der jetzigen Bildung des Lehrers derselbe auch Anspruch auf eine andre rücksichtsvolle Behandlung hat; und so besteht das Uebel noch immer fort, daß ein Jeder (und bestände die Gemeinde aus 1000 Köpfen — Weiber, erzogene und ungezogene Kinder mitgerechnet) über den Lehrer ihren Senf abgeben; Leute, die in jeder Beziehung unter ihm stehen, erlauben sich über ihn und fein Wirken abzuurtheilen. Und wehe ihm, wenn er Charakter genug hat, gegen solchen Unfug aufzutreten, wehe dem jüdischen Lehrer, wenn er so glücklich oder unglücklich ist, einen Lag unter den vielen Freitagen anderer Schulen frei zu geben, sieh da, da rottet sich gleich eine ganze Klique zusammen, darunter der Schulvorstand an der Spitze- und protestiren und schimpfen über solchen unerlaubten Unfug — daß man das viele Geld — so umsonst her- und ausgeben muß. Darum noch einmal, greift nur hinein in eure volle und schwere Brust und traget euren Kollegen und Behörden vor, wie die Sachen bisher standen, und wenn — was nicht zu bezweifeln ist — allenthalben oder doch an den meisten Orten die Lehrer aller Konfessionen dafür ihre Stimmen erheben, so ist Abhilfe gewiß zu erwarten. 8 —n. Merlin, 2. Juli. (Privatmitth.) Die großen Erschütterungen, welchen Berlin unterworfen gewesen, haben nach allen Richtungen schwere Folgen gehabt, insbesondere auch für die Juden. Die Stadt ist von unzähligen begüterten Familien verlassen worden, der Verkehr stockt, der Handel liegt danieder. Somit sind schon zahlreiche jüdische Häuser ohne alle Beschäftigung. Die Spekulationsgeschäfte haben ganz und gar aufgehört. Der kleine Verkehr ist sehr reduzirt. Endlich haben Viele sehr beträchtliche Verluste an ihrem Vermögen gehabt, sei es, daß sie dasselbe in Papieren, fei es in Hypotheken besaßen. Die Aussichten sind auch nicht sehr tröstlich; selbst wenn die Verkehrsverhältnisse sich wieder heben, bleibt das Jahr nicht ohne lang dauernde Folgen. Es hat eben Jeder verloren, und Niemand gewonnen. Es fand nicht etwa ein Wechsel der Personen im Besitz statt, sondern der ganze Besitzstand ist gesunken. Dies hat nun auch auf die Verhältnisse der Gemeinde große Wirkung gehabt. Zuerst sind viele jüdische Familien weggezogen, die, wenn sie auch wiederkehren, doch für jetzt die Zahlung an die Gemeinde eingestellt haben; dann sind viele verarmt, und können die bisherigen Leistungen nicht tragen; endlich wollen die Reformer nicht mehr zahlen, weil sie nicht mehr doppelt zahlen wollen und bei dem jetzigen Stand der Dinge volle Freiheit haben. Mit einem Male sind daher die Finanzen der Gemeinde in völlige Zerrüttung gerathen, und die Gemeinde wie in Auflösung versetzt. Die Gehalter können kaum ausgezahlt werden, das Chor soll abgeschafft, und alles nicht durchaus Nothwendige beseitigt werden. Die Desorganisation, in welcher