Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 413 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Zülz> 26. Juni. (Privatmitth.) Unser kleiner Ort war vor langer Zeit der Sitz der bedeutendsten rabbinischen Koryphäen und der hiesige Gottesacker weist noch einen Grabstein auf von dem Enkel des der als ein Heller Stern talmudischer Gelehrsamkeit unsrer Gemeinde Licht und Glanz verlieh. Und in der That fanden hier die rabbinischen Disziplinen einen sehr fruchtbaren Boden, und es mögen noch keine dreißig Jahre vorbei sein, daß eine große Anzahl wohl eingefchulter Lamdanim als eifrige Peripatetiker des Talmuds hierorts anzutreffen waren. Eine andere Eigenthümlichkeit hiesiger Gemeinde aus alter Zeit war die, daß sie in immerwahrendem Hader mit ihrem Seelsorger lebte, und wovon die zuletzt verstorbenen beiden Rabbiner eine würdige Ausnahme machten. Aber tempora mutantur, nos et muffiur in illis, die Zeiten sind andere geworden, und auch die Menschen haben eine andere Richtung genommen. Das Talmudstudium verlor seine Jünger, und die germanische Bildung streute auch hierher ihre goldenen Saatkörner aus. Nur das Eine ist dasselbe geblieben, daß der jedesmalige Rabbiner, der nach Zülz berufen wird, sich nach traditioneller Herkömmlichkeit für ein großes Licht hält, ebenso wie die noch etwa trümmerhaften Ueberrefte der verschollenen Talmudsweisheit als die bevorzugteren Geister sich geriren, und daß der Kampf zwischen Seelsorger und Gemeinde wie ein Erbübel sich forterhalt. Wir befinden uns eben jetzt in dem geschilderten Zustande. Da ist ein Herr Sch.. ein Dunkelmann würdig in jedem inquisitorischen -Rathe der Mittelzeit zu sitzen, der sich für den gelehrtesten, frommsten Juden des Orients und Okzidents hält, und mit frommem Eifer Alles besudelt, was seiner Bornirtheit zu fassen unmöglich ist. Er ist der ewige Antagonist des Rabbiners, und ist besonders stets zur Hand, wenn es gilt einen coup d’elat gegen denselben zu unternehmen. Trotz seiner großen Frömmigkeit verschmäht es der Mann dennoch nicht bei Humanitätsrücksichten etwas zurückzubleiben, vermuthlich weil die „Poschim" — dieses Leibwort des sehr ehrenwerthen Herrn Sch. — immer hervortraten, wenn es gilt ein Menschlichkeitsgebot zu erfüllen. — Der Rabbiner ist ein Mann aus der alten Schule.mit aufgepfropften fremden, schönwissenschaftlichen Reisern, eine polnische Zunge mit deutscher Sprache, eine von jenen Zwittergestalten, mit welchen das benachbarte Herzogthum Posen unsre Provinz bevölkert hat, und von denen man eigentlich nicht weiß, ob sie mehr der deutschen oder polnischen Gattung angehören. In seinen rednerischen Funktionen macht dieser Mann nun freilich in probabili ignorantia manchen Schnitzer, und das mag ihm wol auch meistens hinderlich sein, dem festgedrehten Fortschritt, der ihm für's Judcnthum nothwendig scheint, Vorschub zu leisten. Jndeß wenn nur Ernst des Willens und Aufrichtigkeit der Gesinnung vorhanden wäre, so könnte bei fleißigem Studium es ihm gelingen, sich den Anforderungen der Gegenwart wenigstens anzuahnlichen. Wir müssen dies aber bezweifeln, weil der Herr Rabbiner dort- und hierhin schielt, und bald an den Himmel nicht glaubt, bald den Teufel vergöttert. Jetzt ist die Gemeinde durch jenen Herrn Sch. in zwei Fraktionen gebracht, wovon die größere an den Rabbiner hält, die andere sich selbst regiert, und leid thut es uns, daß selbst bessere Menschen zu diesem Zwiespalt die Hand bieten, da die Gemeinde, die seit Jahrhunderten besteht, auf diese Weise ihrer Auflösung entgegengeht. Saarlouis, 29. Juni. (Privatmitth.) Gestern fand im hiesigen Kreise, die von dem Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheit angeordnete Konferenz der Lehrer, unter dem Vorsitze des königl. Landraths statt, und nach einer mehrstündigen Debatte, wurde das Ersprießlichste und Zweckmäßigste, aus der in einer Vorberathung jeder einzelnen Schulinspektion aufgestellten Proposition, in ein Protokoll, Behufs Einsendung an die königl. Regierung, ausgenommen. Außer den allgemeinen Wünschen aber, die in der Versammlung von allen Lehrern des Kreises fast dieselben waren, erweckten einige wesentliche Punkte, welche die bisherige Stellung und Besoldung der jüdischen Lehrer in der Gemeinde betrafen, besondere Theilnahme, und daher von der Versammlung, worunter 70 Lehrer der katholischen Religion angehörig waren, Folgendes einstimmig beschlossen: 1) Daß der Staat von nun ab für die Subsistenz der jüdischen Lehrer, wie für die der ihrigen, Sorge trage. 2) Daß der Staat dem jüdischen Lehrer eine gesicherte Stellung in der Gemeinde bewirke, damit auch .sie, wie ihre christlichen Kollegen, ihrem Berufe leben, und nicht wie bisher von. jedem ungeschliffenen und bornirten Gemeindemitgliede diri-