Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
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412 vielmehr auf der betretenen Bahn vorwärtstrieben. So haben die Juden ihre gewöhnliche Besonnenheit, ihr kluges Ermessen der Umstände verloren, und die Ereignisse führten sie dahin, wo sie jetzt stehen. Und sie stehen auf einem schlimmen Standpunkte. Daß sie von beiden Parteien zuletzt geopfert werden, läßt sich voraussetzen. Die Deutschen haben trotz des Beistandes und der Dienste, welche die Juden ihnen geleistet, diese nicht achten gelernt. Schon beginnt man alle Schuld auf die Juden zu werfen. Kurze Zeit, und sie werden von beiden Seiten angefeindet werden, und — unterliegen. Die Zukunft der Juden in dieser Provinz ist völlig verloren. Gott gebe, daß nicht unsere Kinder zu sehr dafür leiden müssen. Doch will ich heute nicht schließen, ohne zu erwähnen, daß fast der einzige Jude in der Provinz, der sich achtungswerth benommen hat, der Oberrabbiner Eg er in Posen ist. Er hat die Vernunft und Billigkeit, die er besitzt, auf treffliche Weise mitten im Sturme bewährt. Aus Oberschlesren, im Juni. (Privatmitth.) In einer Zeit wie die gegenwärtige, wo die politische Aufregung den Menschen so inne hat, daß jedes andere Interesse-ganz in den Hintergrund gedrängt wird, ist es wahrhaft wohlthuend wieder einmal über einen Akt referiren zu können, der, aus religiösem Bedürfnisse entsprungen, einen Beleg für das Nochvorhandensein echt religiöser Gesinnungen abgiebt. Der Bericht wird aber zugleich eine moralische Nothwendigkeit, weil der humane Geist unserer christlichen Brüder, der bei jenem Akte zum Vorscheine kam, es verdient in weiteren Kreisen bekannt zu werden, damit das intolerante Behaben einiger hiesigen Ortschaften nicht als der normale Gesinnungstypus unsrer Gesammtprovinz gelte. Am 5. dieses feierte die Gemeinde zu Rybnik das Einweihungsfest ihrer neuerbauten Synagoge. Es war zugleich ein Dank- und Freudenfest, daß endlich die verheerende Krankheit aus der Stadt und Gegend geschwunden war und daß man sich, obgleich durch schmerzliche Erinnerungen und tiefe, unersetzliche Lücken, die der Tod in die Reihen gerissen, bis in das Innerste der Seele ergriffen, wiedergefunden hatte, um den längst ersehnten und oft verzweiflungsvoll aufgegebenen Tag der Tempelweihe würdig zu feiern. Und da war es eben, wo unsere christlichen Brüder, den Frühlingsodeyr^der Menschen versöhnenden'Gegenwart in der Brust fühlend, mit den süßen Gaben des Herzens hervortraten und ihre Liebe und Theilnahme an dem Feste bethätigten. Blumen, Teppiche, Vasen und allerlei Zierrath wurden freudig herbeigeschafft, um das neue Gotteshaus auf's Freundlichste zu schmücken, und man wetteiferte sich in Dienstesleistungen und gutem Geschmack zu überbieten. Da war auch Kerner in der Stadt, der theilnahmlos einhergegangen wäre. Die katholische und evangelische Geistlichkeit, Magistrat und Stadtverordnete, Militärs und Honoratioren, der Landrath und Gerichtsbeamte, Alle schlossen sich den festlichen Reihen an, und den unübersehbaren Zug, der von der alten Synagoge aus in die neue sich bewegte, ließ man zwischen einem Spalier von Bürgerwehrmännern einherschreiten, damit jeder Andrang von außen abgehalten werde. In der alten Synagoge sprach der dortige Rabbiner, Herr Karfunkel, einige Worte, die auf die Bedeutung des Tages Bezug haben sollten, welche aber einen liefern Eindruck hervorzubringen nicht vermochten, weil der Redner das reformatorische Bewußtsein der Gegenwart leugnete, und die abgeschiedenen Schatten der Vergangenheit heraufbeschwor, um den Lichtströmungen des Zeitgeistes den Eingang in's neue Gotteshaus zu verbieten. Die Weihpredigt sprach der Rabbiner zu Oppeln, Herr Dr. Cohn, der hierzu die besondere Einladung erhalten hatte. Dieser hob nun freilich gerade im Gegensätze zum frühem Redner die Bedeutung der Jetztzeit hervor, und ließ es als eine besondere Mahnung des neuerbauten Tempels gelten, jetzt, da die politischen Marksteine'zwischen Mensch und Mensch gebrochen sind, die längst verblichenen Grenzlinien, die den Israeliten vom Leben trennten, nicht wieder mit frisch aufgetragener Tünche zu bestreichen, und ihm so die Anerbietungen einer aufgeklärten Zeit unzugänglich zu machen. Der Vernunft müsse das lang vorenthaltene Recht wieder werden, und was dieser widerstrebt, als ein des Menschen unwürdiges Moment aus seiner Anschauungsweise ausscheiden. Die Predigt war von großer.Wirkung, und ist der Redner besonders von den vielen christlichen Zuhörern angegangen worden, dieselbe durch den Druck zu veröffentlichen. Die Feier selbst aber wird unvergeßlich in dem Herzen derer bleiben, die sie.mitbegangen haben.