Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 29 (10.7.1848)
- Date
- 1848-07-10
- Page
- Seite 411 (sequence 3)
- Language
- German
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411 Zeitungsnachrichten. Deutschland. Posen, 21. Juni, Die Köln. Zeit, läßt sich von hier aus schreiben: Mehrere jüdische Kaufleute hier haben sich entschlossen, ihre Laden zu schließen, weil die Polen nur bei Christen einkaufen; sie haben sich an die Regierung gewendet, um von den zum Parzelliren bestimmt gewesenen Domänen sich Grundeigenthum von 300 bis,1000 Morgen zu kaufen. Die große Eile, mit welcher die Regierung diese Domänen an Jeden und zu jedem Preise und unter jeder Bedingung verkauft, bleibt immer auffallend. Aus dem Großherzogthum Posen, im Juli. (Privatmitth.) Der Waffenkampf der Polen hat aufgehört, die äußere Ruhe ist hergestellt. Aber es ist die Ruhe eines Kirchhofs, und desto erbitterter hat sich der Kampf nach innen geworfen. Ueber den Gefallenen wölbt sich der Grabhügel und bedeckt sich mit Rasen; die zerstampften Saaten werden wieder beackert und tragen bald wieder Früchte; die zerstörten Wohnungen werden wieder aufgebaut. Aber das menschliche Herz bewahrt die Spuren länger, und der Haß, der in die Gemüther gedrungen, bereitet unaufhörlich Gift, das Gift des Unfriedens, der erbittertsten Feindseligkeit. Mehr als je sind die drei Volksstämme gespaltet, welche Posen bewohnen: Deutsche, Juden und Polen. Mehr als je stehen sie sich feindlich gegenüber, und auf Söhne und Enkel wird der Kampf sich übertragen. *Jn Verkehrsverhältniffen macht es sich zunächst fühlbar, denn wo nicht die äußerste Nothwendigkeit drängt, kehrt der Pole beim Juden und Deutschen nicht ein. Im Einzelnen geht es, im großen Ganzen hat es unabsehbare Folgen. Das Eine haben wir jetzt gewonnen, man kann sich ruhigerer Betrachtung über die schwere Vergangenheit überlassen. Frägt man. sich, wie eigentlich das Alles so gekommen, so weiß man es sich wahrhaftig nicht zu erklären. War es ein böser Traum? War es ein Rausch, ein schrecklicher. Taumelgeist? Wer will es erklären! Die aufgestachelte Wuth, von wannen ist sie gekommen? von wannen namentlich beiden Juden? Hatten die Juden, wenn die Polen von Anfang an zur Herrschaft gekommen wären, so viel zu verlieren, daß sie mit aller Kraft sich entgegenstellen mußten? War die Feindseligkeit der Polen gegen die Juden von Beginn an so furchtbar, daß die Letzteren das Schrecklichste zu erwarten hatten? So ganz sicher ist dies nicht. Es waren Einige unter den Juden, die zu verlieren, die zu fürchten hatten. Das waren die Wucherer, die vielfach die adligen Polen ausgebeutet hatten. Aber die große Masse der Juden hatte dies nicht. Auch mußte der Kamps für viele Individuen Beschwerden mit sich bringen — aber ist man denn denen entgangen? im.Gegentheil wurden die Gefahren und Verluste durch den erbitterten Widerstand, den man der Erhebung der Polen entgegenstellte, nicht ungeheuer vergrößert? Wurden die Juden im Posenschen nicht von der frühem Regierung vielfach zurückgesetzt, und hatte nicht erst das Gesetz vom 23. Juli 1847 gezeigt, daß man sie noch lange zurücksetzen wollte, ja, übte das Gesetz über die gerichtlichen Zivilstandsregister nicht einen sehr harten Druck auf die Juden aus? — Erwägt man die Verhältnisse besonnen, so hätte man den Juden keine polenfeindliche Stellung zutrauen sollen. Würden die Polen ohne Kampf die Oberhand gewonnen, würde das russische Polen an der Erhebung Theil genommen haben: so stand den posen'schen Juden eine gute Zukunft bevor, denn der Osten hätte ihnen für Industrie und Verkehr neue Bahnen eröffnet. Die Juden waren gewissermaßen berufen, die Vermittelungsrolle zwischen Deutschen und Polen zu spielen. Daß nun, nachdem einmal Feindseligkeiten zwischen den Parteien in starkem Maße vorgekommen und sich zur Wuth gestachelt, keine Rückkehr, keine Beschwichtigung möglich war, ist leicht erklärlich. Es kommt also Alles darauf an, wo der Anfang gelegen, wo es war, daß alle Besonnenheit, alle Klugheit zu schwinden begann. Und da glauben wir denn, daß die Aufregung durch eben solche Wiegler gekommen, welche, bei eigenem bösen Gewissen, die Rache der Polen für ihre geheimen Unthaten fürchteten. Diese erhoben ein unsägliches Geschrei, diese schufen eine Menge von Schreckbildern, die sich der Phantasie der Masse bemächtigten. Dazu kamen allerdings MißundUebergriffe, welche die Polen gleich Anfangs, in der Verkennung der Zeit, in dem Glauben, daß ihre Stunde gekommen, begingen, und die den Aufstachelungen nur um so mehr Raum schufen. So waren schnell auf dem Wege der Erbitterung einige Schritte gethan, die nicht wieder zurückgethan werden konnten, die