Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 28 (3.7.1848)
- Date
- 1848-07-03
- Page
- Seite 405 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225580--09499-3237762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
405 Friede, des Landes .erkauft ist. Denn was hatte unser gewartet, bemt die Aufrührer Herren und Meister geworden waren? Sicherlich; ist es thörichtzu glauben, daß der Aufstand etwas Anderes war, als eine slavische Erhebung, als der Persuch der Slaven sich der Hauptstadt zu bemächtigen, um dann des Landes sicher zu fein. Die Führer dieser Harter wissen sehr wohl, daß das böhmische Landvolk kein Bewußtsein hat und erst durch einen Sieg in der Hauptstadt geweckt und zu Mord und Raub angespornt worden wäre. Da nun Deutsche und Juden hier ebensogut wie im Großherzogthum Posen identifizirt werden, so würde der Sieg der Slaven bald das Blut und Gut der Juden gekostet haben. — Es ist ein eignes Schicksal, daß in diesen Ländern überall die Juden mit den Deutschen amalgamirt werden. Wie? Waren etwa die Juden Herren und die Slaven Bedrückte? Gerade das Gegentheil. Wenn die deutsche Herrschaft in Böhmen drückte, so drückte sie Deutsche wie Slaven, Beide zugleich, aber die gedrücktesten von Allen waren die Juden. Haben die Slaven eine Slavensteuer bezahlt, oder die Juden eine Judensteuer? Waren die Slaven in ein Ghetto gesperrt, oder die Juden? Waren die Slaven in bürgerlicher und gewerblicher Weise tausendfach ausgeschlossen, oder die Juden? Und dennoch, kaum daß der allgemeine Druck gelöst ist und die Juden. haben nur die Aussicht, von ihrem besondern Drucke erlöst zu werden, treten die Slaven den Juden feindlich gegenüber, und einigen sie mit den Deutschen, von denen die Juden doch so vielen Druck erlitten haben? Sollte man von vorn herein nicht das Gegentheil erwarten, daß sie vielmehr die Verbindung der Juden gegen die Deutschen hätten suchen sollen? Was beweist dieses nun? Nichtsanders als die Ausschließüngssucht der Slaven. Sie wollen eben Nichts gelten lassen, als was slavisch ist. Sie halten sich von Allem beeinträchtigt, was nicht slavisch ist. Ist dies aber ein Beweis von Starke? Ich glaube vom Gegentheil. Der Starke duldet neben sich, weil er der Herrschaft gewiß, weil er ruhig ist. Der Schwache haßt, und im Hasse glaubt er seine Starke zu finden, die Stärke'seiner Leidenschaft ist ihm und scheint ihm die physische und 'intellektuelle Starke. Darum befeindet der Slave nicht allein die ' Deutschen, sondern auch die Juden, so wie er anderswo die Magyaren und auf welches Volk er stößt, befeindet. Weil er, trotz allen Prahlereien, im Innersten seiner Seele die Schwache seines Geistes und seines zerspaltenen Stammes fühlt, darum haßt er. , Doch wie weit hat mich dieser Erguß geführt. Ich wollte von den: Schrecken der vergangenen Tage schreiben. Aber wessen das Herz voll ist, dessen fließt es über. Sehr viele Juden, namentlich die begüterten, sind geflohen, und werden wol so bald nicht zurückkehren. Denn wir leben auf einem Vulkan, der immer wieder einmal losbrechen kann, und wenn.auch nicht in großen Flammen, doch in züngelnden Flämmchen, die den Einzelnen treffen und verzehren. Da nun zugleich Handel und Verkehr gänzlich stocken, so greift die Armuth unter der Masse der schon so sehr verarmten Judenschaft auf die bedauerlichste Weise um sich, und ich weiß nicht, wie dies enden wird. Bald werden die armen Juden den reichen als Flüchtlinge Nachfolgen, nicht vor den Schrecken des Krieges, doch vor den Schrecken des Hungers! Sie werden sich über das Land ergießen, und wo eine Ruhestätte finden? -Ja, geehrter Herr Redakteur, wer hätte dies vorausgesehen? Wer, als von Italien und Frankreich der Jubelruf der Freiheit ertönte, und wir Alle ihm zujauchzten — wer hätte geglaubt, daß die Freiheit bald in Zügellosigkeit, und der Jubelruf in tausendfachen Angstschrei sich wandeln würde? Wer hätte geahnt, daß den Petitionen um Gleichstellung der Konfessionen Judenhetzen auf den Fuß folgen, und diesen blutiger Bürgerkrieg Nachfolgen würden? Welche Enttäuschungen! Wie werden alle Errungniffe dadurch in Zweifel gesetzt, daß man glauben müßte, wir stehen nicht am Fuße eines Jahrhunderts der Freiheit, sondern einer Zeit vollkommnen Umsturzes, welche das lebende Geschlecht unter den Trümmern begräbt. Das ist sicher : die menschlichen Leidenschaften sind allesammt furchtbar entfesselt, kein Damm ist sichtbar, kein Ziel, und es kann ebenso gut eine allgemeine Nacht daraus hervorgehen, wie ein lichter Tag. Und wenn Letzterer, so ist doch der Morgen blutroth getränkt! Sind Sie bessern Muthes, so vergessen Sie nicht, unter welchen Eindrücken ich schreibe. ' . Ungarn. Pesth, im Juni. (Privatmitth.) Ueberall, wo jetzt der Kampf zwischen den Nationalitäten losgsbrochen ist, steht es um die Juden schlimm. Es ist eine bewährte Erfahrung, daß der Jude sich der voll- 28*