Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 28 (3.7.1848)
- Date
- 1848-07-03
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
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399 deren drängenden Dingen eingenommen ist, daß es niemals von kirchlichen Angelegenheiten wieder erfüllt sein wird. Die Religion ist ein so unendliches und unerschöpfliches Moment für die Menschheit, daß sie diese immer wieder erfaßt, wenn sie auch eine Zeit lang vor. äußeren Stürmen das Heft verloren zu haben scheint. Die Menschheit kann der Religion nicht entbehren, ja sie bedarf ihrer am Meisten, wenn 'sie in ein neue Phase eingetreten ist. Die Menschheit muß sich immer wieder mit der Religion in einen bestimmten'Rapport setzen, und äußerlich und innerlich mit ihr sich in eine gewisse Anordnung bringen. Und wenn also diese neue gesellschaftliche Phase wirklich vollbracht, zur vollen Geltung gebracht sein würde, so würde die nächste Aufgabe sein, die Religion mit ihr in Harmonie zu bringen. Ueberblicken wir die Geschichte der Menschheit, so sehen wir, daß Religion und Gesellschaft nebeneinander in ihrer Entwickelung fortschreitenz oft schon hat die Religion einen bedeutenden Schritt gethan, wahrend die Gesellschaft zurückblieb; andern Theils reichte öfter die Gesellschaft weit über den Standpunkt hinaus, den die Religion einnahm. Dann aber war es das Werk der darauf folgenden Zeiten, den zurückgebliebenen Theil vorwärts zu bringen und auf die Stufe des andern Theils zu erheben. Daß dies in Zukunft abermals die Aufgabe sein werde, ist ersichtlich. Während die Gesellschaft gegenwärtig die Gleichheit der Menschen im Staate zur Basis macht und zu verwirklichen sucht: blieb die Religion im Separatismus der Kirchen stecken, und so viele einzelne Glieder, so zahllose Menschen sich davon losgesagt haben, so blieben doch die Kirchen bei ihrem Ausschließungsprinzipe. Also hierin ist sicherlich genug noch zu thun. Das reine Judenthum wird hierin immer mehr voranschreiten, wie es dies seit Jahren schon gethan. Das reine Judenthum, wie es im Mosaismus schon, wenn wir die spezielle Fassung abstreifen, die Prinzipien aussprach, im Prophetismus ausdrücklich kundthat, hat jene Grundsätze der zukünftigen Gesellschaft zu seinem wesentlichen Inhalte. Hier ist es aber noch ein Anderes, was unsre Aufgabe sein wird, nämlich jenen materiellen Geist zu bekämpfen, der, durchdrungen vom Kampfe der gesellschaftlichen Interessen eben diese als die alleinige Sphäre des Menschen faßt, und die Religion gänzlich abweiset. Dieser materielle Geist, der freilich ein Extrem in der Religion hatte, welche den Menschen ganz von der Erde abziehen und in das Jenseits verlegen wollte. Beide Extreme zu bekämpfen, ist die Aufgabe des Judenthums. Wenn es die Wirklichkeit des Diesseits vom religiösen Geiste durchdrungen haben will, so kann es um so weniger jene materielle Auffassung zulassen, die in die Verfassung der Gesellschaft den ganzen Menschen beschränken will. Dieser, die Religion verachtende und alle ihre Wirksamkeit verneinende und alle ihre Institute beseitigende Geist erwacht aber immer am Meisten zu einer Zeit, die von gesellschaftlichen Kämpfen bedrängt ist. Dem haben wir uns entgegenzustellen, und die Begeisterung für religiösen Aufschwung von Neuem zu wecken und zu, nähren — fürwahr! eine große und hohe Aufgabe! Wer wird nunmehr noch sagen: unser, Werk sei zu Ende? Wer sieht nicht ein, daß wir fort und fort die Theilnahme, Unterstützung und Förderung in Anspruch zu nehmen haben? Ja, unsre Aufgabe hat sich ein Bedeutendes von dem Boden erhoben, an den sie so lange gefesselt war. Dadurch ist sie aber nur um so höher und größer geworden. Sie hat viel Kleinliches als abgemacht hinter sich, aber ein desto sonnenbeschieneneres Gebiet vor sich. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Aus Württemberg, im Mai. (Privatmitth.) In mehreren früheren Artikeln der Allg. Zeitung des Judenthums war die Rede auch von Judenverfolgungen in Schwaben und es könnte dadurch den Anschein gewinnen, als ob in württembergischen Orten solche Verfolgungen in größerer Zahl vorgekommen wären. Dem muß aber auf's Bestimmteste widersprochen werden. Blos in einem einzigen Ort, Baiflngen im Schwarzwald, kamen derartige, freilich betrübende Exzesse der Rohheit und Barbarei vor, wo aber ebenfalls manche besondere Umstände mit unterliefen. Die Nachricht hinsichtlich Mergentheims muß dahin berichtigt werden, daß gegen die dortigen Israeliten durchaus Nichts unternommen werden sollte, sondern die Wuth einer rohen odenwälder Bande wollte die von dem nahen badischen Ort Unterschöpf, wo freilich gegen die dortigen wenigen Juden arg gehaust worden ist, nach Mergentheim geflüchteten Juden ausgeliefert haben, welchem Ansinnen jedoch natürlich von Seiten der Behörde nicht nachgegeben worden. In solchen Zeiten bewahrt sich die zeitgemäße, umsichtige Wirk-