Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 28 (3.7.1848)
- Date
- 1848-07-03
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
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398 Dem Norden gegenüber steht der Süden. In Italien haben die Juden den Bewegungen des Jahres zuerst ihre Freiheit zu danken. Die nördliche Hälfte Italiens hat für sie die Ungleichheit getilgt, die südliche Hälfte sie aufrecht erhalten. In Rom und anderen Städten haben sie zwar die Ghetti verlassen dürfen: das ist aber das Einzige, was im Kirchenstaate geschehen ist. In Neapel dürfen sie nid)t einmal ihren Kultus üben, Sizilien ist ihnen noch verschlossen. Wenden wir uns Deutschland zu, so haben Preußen, Anhalt, Homburg und Braunschweig die Gleichstellung gesetzlich ausgesprochen, Kurhessen schon vor 16 Jahren: in den übrigen Ländern Deutschlands ist'sie theils verheißen, aber noch nicht vollbracht, wie in Baden, Württemberg, Großherzogthum Hessen, Nassau, Mecklenburg, Oldenburg, theils beschäftigt sich die Gesetzgebung damit, wie in Hannover, theils ist noch wenig daran zu denken, wie in Baiern, Sachsen und den „freien" Städten. Ueber Oesterreich muß man sehr in Zweifel sein; denn seine Judensteuern erhält es noch aufrecht, aus Tyrol, Steyermark rc. sind sie verbannt, in Böhmen haben die Juden vom czechischen Brande nur das Aergste zu erwarten. Ungarn hat die Gleichstellung im Prinzipe anerkannt, in der Praxis aber sie völlig abgewiesen, und neben den Verfolgungen des Pöbels nur härtere Maßregeln ergriffen, als früher der Fall war; Galizien und Mähren sind mit vollem Dunkel bedeckt. Brauchen wir nun noch nach demfinstern Osten zu blicken? Brauchen wir Rußland, die Donaufürstenthümer, die Türkei, Griechenland mehr als zu nennen? So sind es nur die alten Länder der Freiheit, Frankreich, Belgien, Holland, so sind es nur einige Theile von Deutschland und Italien, welche die bürgerliche Gleichstellung der Juden unter dem Einflüsse der neuern Zeit bereits gesetzlich festgestellt haben — so sind es dagegen England, Norwegen, Schweden, Dänemark, Spanien, Portugal, die Schweiz, der Kirchenstaat, Neapel, Sizilien, das halbe Deutschland, Ungarn, Galizien, Rußland, Donaufürstenthümer, Türkei und Griechenland, in denen noch nichts Wesentliches geschehen ist, und von diesen vielen und großen Landern ist es lediglich der übrige Theil von Deutschland, der uns einige gegründete Hoffnung gewährt, von den übrigen ist noch Nichts zu erwarten, wenigstens für die nächste Zeit noch nicht. Wie? ist das Werk der Emanzipation also schon vollendet? können wir ausruhen auf den Lorbeeren eines steggekrönten Kampfes? Nein, noch nicht, noch lange nicht! So groß und hinreißend auch die Bewegung der neuern Zeit ist, wir dürfen, wenn wir nicht etwa kleinlich nur unsere eigenen Personen im Auge hatten, das Interesse für unfern Kampf, für den Kampf der'Gewissensfreiheit noch nicht aufgeben, wir dürfen die Hände noch nicht in den Schooß legen, wir sind noch nicht berechtigt zu sagen: wir haben erreicht, was wir gewollt, erstrebt! Das ist ein schlechter Kämpfer, der sein Werk fahren läßt, weil er um sich herum Ruhe erlangt hat. Wachen wir vielmehr; zuvor müssen wir Deutschland völlig an Frankreich, Belgien, Holland und Norditalien in dieser Glaubensfreiheit angeschlossen sehen, und dann von diesem festen Körper aus ringsherum wirken nach Nord, Süd, West und Ost. Dann ist erst der Mittelpunkt gefunden, von wo aus die Wirksamkeit sich nach allen Seiten ausdehnen kann. Und ferner. Wenn nun in Deutschland selbst die Gleichstellung gesetzlich ausgesprochen ist: haben wir die Gewißheit schon, daß sie vom Papiere aus auch in das Leben, in die Wirklichkeit übergeht? sind wir sicher, daß nicht der reaktionäre Geist, wenn erst Jahre der Ruhe wiederkehren, namentlich in Bezug auf unsere Glaubensgenossen bei Regierung und Volk wieder thätig sein wird, uns aus der gesetzlichen Position zu verdrängen und unser gutes Recht uns zu verkümmern? Wird nicht dann erst recht der Kampf des Geistes mit dem Buchstaben beginnen? Haben wir nicht das Beispiel Kurheffens vor Augen? Fürwahr, es ist eine neue Aufgabe dann, aber nicht minder von großer Bedeutung, über die Verwirklichung der Errungenschaften zu wachen, und nach allen Seiten hin, sowol Regierungen und Volk in der lebendigen Bethätigung der gesetzlichen Freiheit gegen die Juden zu erhalten, als auch unsere Glaubensgenossen selbst dem volksthümlichen Leben immerfort näher zu bringen. Dies unsre Aufgabe nach außen. Gleichstellung über die ganze Erde, wenigstens die zivilisirte, und Verwirklichung der Gleichstellung im Leben! Und nach innen? , Das Werk der Reform hat in den vergangenen Jahren einige Fortschritte gemacht; die gegenwärtige Zeit mußte nothwendig einen Stillstand hineinbringen; noch ist sie nicht so ruhig geworden, um sich der religiösen Thatkgkekt wieder hrnzugeben; aber ausbleiben kann es nicht; wir werden die Fäden wieder aufzugreifen haben, wo sie abgeschnitten wurden; wir werden fortfahren müssen, wo stehen geblieben ist. Denke nur Niemand, weil in diesem Augenblick sein Herz von an-