Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-06-26 · Heft 27 (26.6.1848) · p. Seite 390

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 27 (26.6.1848)
Date
1848-06-26
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225579--09483-3237745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

390 len alle heißen mögen/ vor dem Hauch der Zeit in Nichts zerstoben sind. Daher siguriren auch die Juden unter den sogenannten Anstiftern der Revolution neben den Polen und Franzosen. Daß auch hieran das frühere System, die lange Hintansetzung der Juden durch die Regierung und die Art, wie sie gerade hierin den tausendjährigen Leidenschaften des Pöbels stöhnte, Schuld trägt, ist klar, und es wird noch lange dauern, bis das Volk an die auch für sie durch die Revolution gewonnene Gleichstellung und Befreiung gewöhnt, bis es sie als gleichberechtigte Menschen zu betrachten gelernt haben wird. Dem Volke kann man es bei der systematischen Verblendung, in der es in dieser Beziehung gehalten worden, nicht verargen, wenn ihm die Schuppen nicht sofort von den Augen fallen. Wenn aber Leute der gebildeten Klasse, wenn Leute, von denen man mit Recht verlangen kann, daß sie sich von diesem Aberglauben losgemacht, ja wenn Leute, welche sich mit der Erziehung der Jugend beschäftigen, rpenn solche Leute dieses Vorurtheil zu nähren suchen, ja öffentlich das Volk, die arbeitende Klasse gegen die Juden aufreizen und ihnen dieselben als die Haupturheber ihrer Noth, als die Bedrücker und Blutsauger der Arbeiter darstellen, dann kann man nicht streng genug ihr Betragen rügen. Ein solcher Fall soll unter anderen — ich sage: unter anderen, denn es ist gewiß leider nur einer unter vielen--- auch in den vorgestrigen Tumultszenen vorgekommen sein. Unter den Volkshaufen vor dem Zeughause —so wird uns berichtet — sprach Jemand in der eben angeführten Weise gegen die Juden; er meinte, sie seien durch ihren Wucher an der Noth der arbeitenden Klassen Schuld, sie drückten den Arbeiter bis auf's Blut, indem sie ihm so viel als möglich von seinem Lohn abzwackten. Daher erwürben sie auch so große Reichthümer, wie Rothschild 600 Millionen (!) u. s. w. Und wer war dieser Jemand? Kein Anderer alsein Volkslehrer, ein Bildner der Jugend, ein Schullehrer, den man uns Didler nannte. — Wir denunziren einen solchen Aufwiegler hiermit der Verachtung aller Wohlgesinnten und Edlen-, und fordern den Genannten auf, sich öffentlich von dieser Anklage zu reinigen, wenn er es vermag." —. Ja wol ist der Judenhaß ein Mittel der Reaktion, um bei Gelegenheit die Erregung der Masse yon sich abzuwenden und auf einen Sündenbock zu lenken., der nicht widerstehen kann. Weiß man doch z. B. aus Hamburg, daß dort im Marz Geld vertheilt wurde, um das Volk auf die Juden zu hetzen, damit diese einen bequemen Blitzableiter für die Volkswuth gegen die bisherigen Beherrscher des Volkes, abgeben mögen. Man sucht daher nach zweien Seiten hin die Juden zu verdächtigen. Denen, welche jetzt „Ruhe um jeden Preis" haben wollen, sagt man, die Juden sind die Aufwiegler des Volkes, die Wühler, die Urheber und Fortsetzer der Revolution, und da allerdings auch jüdische Namen unter denen vor? kommen,, welche bei den allgemeinen Ereignissen hervortreten --- was um so auffallender sein muß, als bis jetzt keinem Juden ermöglicht war, durch Theil? nähme am öffentlichen Interesse genannt zu werden --7 so benutzt man dies, um die Juden als alleinige Volksaufhetzer zu verschreien. Dem Volke selbst aber sagt man, die Juden sind an allen Bedrängnissen Schuld, die Juden haben.die Armuth der unteren Klassen verursacht, die Juden sind am Stocken des Verkehrs Schuld u. s. w. u. s. w., kurz, sie machen aus den Juden eine, die Welt verschlingende, infernalische Macht, damit das Volk sich auf die Juden stürze. Zum Glück hat das Volk zu vielen gesunden Menschenverstand, um dieses höllische Gaukelspiel nicht zu durchschauen; zum Glück haben sich die Juden rin unseren Gegenden doch schon zu viel in das Volk eingelebt, um nicht vom Volke besser gekannt zu. sein. Wehe aber, wenn es den Reaktionären gelänge, wehe den Urhebern selbst! Der Löwe, der Blut gekostet, hört auf keines Wärters Stimme mehr. Wenn die Masse einmal zügellos , geworden, dann wendet es sich von den Wohnungen der Juden zu den Palästen der Großen und Neichen und bringt die rächende Nemesis über die, welche es gegen jene gehetzt haben! Berlin, 20. Juni. (Privatmitth.) Graf Schwerin ist abgetreten, und ein neuer Kultusminister wird an dessen Stelle kommen. Auf wesentliche Aenderung ist jedoch hierbei noch nicht zu denken. In Schwerin saß der systemlose Rationalismus, der Rationalismus par instinct aus dem Ministerstuhle. Ihn wird der systematische Rationalismus ersetzen, und dann erst ein Minister kommen, welcher die Richtung der Zeit in den kirchlichen Angelegenheiten begreift. Unter Schwerin hatten wir Israeliten Nichts zu erwarten, als ein Schema, wohin wir kommen dürsten, .aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.