Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-06-26 · Heft 27 (26.6.1848) · p. Seite 388

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 27 (26.6.1848)
Date
1848-06-26
Page
Seite 388 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225579--09481-3237743
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

388 freien deutschen Nationalsynagoge beizutragen haben. Karlsruhe, den 3. Juni 1848. Der geschäftsleitende Ausschuß des allgemeinen Landesvereins zur Verbesserung der inneren und äußeren Zustände der Juden des Großherzogthums Baden. Ettling er, Obergerichtsadvokat. Dr. Hochstädter. Heinrich Hoffmann, Kaufmann, vr. Homburger. vr.Kusel, Vorstand. Levinger, Advokat." Bemerkungen der Redaktion. Wir haben in No. 23 erst die unumgängliche Nothwendigkeit ausgesprochen, daß Hand angelegt werde an die Reform des Judenthums auch in diesen Tagen, und können daher den eben mitgetheilten Aufruf nur freudig begrüßen. Mögen doch Alle auf die Wirklichkeit schauen! Das Häuflein derer, welche der bisherigen Gestalt des Judenthums anhangen, wird von Tage zu Tage kleiner. Scheidet man aus diesem Häuflein nur noch die aus, welche mehr aus Gewohnheit, als aus innerster Überzeugung dem alten Judenthume anhangen, so bleibt die Anzahl derer, die es um jeden Preis erhalten wollen, noch kleiner. Zwar haben die letzten Jahre erwiesen, daß die Bemühung, den Lehrinhalt des Judenlhums vollständig und tkefbesonnen herauszuarbeiten, mit gutem Erfolge gekrönt war, und daß dieser Lehrinhalt, dieser Inhalt des Bekenntnisses viele Gemüther zu fesseln, viele Geister anzuregen von Neuem vermochte: so vergessen wir nicht, daß demungeachtet der Mensch auch die Erscheinung dieses Lehrinhaltes geläutert und entsprechend haben will, und daß andrerseits die große Bewegung der Zeit so viele, von der religiösen Richtung abziehende Momente birgt, daß es um so nothwmoiger ist, mit einem kräftigen Fortschritt das religiöse Interesse zu wahren und in die Geister zu bringen, damit die Auslösung der Religionsgemeinde nicht allzusehr um sich greife. Der Beruf des Judenlhums ist noch lange nicht erfüllt! Am Wenigsten ist er vollendet inmitten der kolossalen Nationalirätsfrage, inmitten des unermeßlichen Narionaliratskampfes, der in den Grenzlandern Deutschlands mit ungeheurer Starke erwacht — um so mehr muß das Judenthum gewahrt werden, aber gewahrt durch Verjüngung, durch frische Erhebung im Geiste der Zeit. Der Stillstand würde das Judenthum zertrümmern, der Stillstand würde das Judenthum in der That zu der Mumle machen, als welche es schon so lange von seinen Feinden bezeichnet wird. Wir müssen daher die Anregung, welche der badische Landesverein mit obigem Aufruf giebt, dankbar annehmen, wenn wir auch mit allen, in demselben entwickelten Ansichten nicht übereinstimmen. Dies ist namentlich der Fall mit dem Ausspruch: „Gründung einer freien deutschen Nationalsynagoge." Allerdings wird dies durch den Schluß modisizirt, daß „durch die freie deutsche Nationalsynagoge eine freie Synagoge vorbereitet werden solle", nichtsdestoweniger müssen wir uns gänzlich hiergegen erklären. Es ist schlimm genug, daß in der Politik gegenwärtig die Nationalität zur hauptsächlichsten Frage geworden, daß die Sache der Freiheit nur die Sache der Nationalität geweckt hat, daß an die Stelle der Humanität die Nationalität sich aufgedrungen hat, daß daher aus der Nationalität ein Kampf hervorgeht, Zusammenstöße am Po, an der Moldau, an der Donau, an der Warthe, an der Eider entspringen, welche alle Schrecken des Mittelalters, alle Barbarei der Völkerwanderung wieder herbeiführen. Wie? sie nun auch auf das höchste, auf das allgemeinste, auf das religiöse Gebiet verpflanzen. Wir haben noch in diesem Augenblick die Synagoge nicht aus der jüdischen Nationalität heraus, und wollten ihr schon wieder eine neue aufprägen, nein! nicht eine neue, sondern sehr viele, eine französische, englische rc. Nationalsynagoge schaffen? Die Religion hat mit der Nationalität Nichts zu thun. Zwar wird sie im Individuum eine narionelle Färbung gewinnen, insofern sich kein Individuum von der Färbung seiner Nation und Zeit frei machen kann; zwar wird man in Deutschland deutsch, in Frankreich französisch beten — aber dies macht noch keine Nalionalsynagoge aus, indem der Inhalt der Synagoge niemals ein nalioneller sein kann, und die Synagoge als Religionsgemeinde immer an den Stamm der Israeliten seinen Anhalt haben wird. Kommt ein Franzose nach Deutschland, so muß er verschiedene Bedingungen erfüllen, bevor er naturalisirt werden, der deutschen Nation angehören kann. Kommt aber ein Franzose als Israelit in eine Synagoge, so gehört er ihr als Israelit unbedingt und unumwunden sofort an. Die Religion umfaßt eben das rein Menschliche in seinem Verhaltniß zum Göttlichen; das hat aber mit dem Nationellen Nichts zu thun, das besteht verschieden nur in der verschiedenen Auffassung innerhalb der verschiedenen Konfessionen. -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.