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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-06-19 · Heft 26 (19.6.1848) · p. Seite 371

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 26 (19.6.1848)
Date
1848-06-19
Page
Seite 371 (sequence 3)
Language
German
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371 und ging einen furchtbaren Gang. Habgier und Neid entzündeten sich zuerst, Wollust darauf. Nun kam'' die Herrschsucht, ließ aus wilden Jägern die ersten Könige erstehen, band Stamm an Stamm, trieb Volk gegen Volk. Da zerriß das Band der ursprünglichen Liebe und die Menschheit ward eine Sammlung von Leidenschaften beherrschter Einzelnen. Und der Blick verdüsterte sich immer mehr, dumpfer Götzendienst, schnöde Abgötterei verschleierte den Geist und würdigte ihn herab zur Verehrung niedrigster Wesen. Aberglaube und Unsinn beherrschten die Menschheit. Wie? hatte dazu Gott den Menschen geschaffen, dazu ihn so besonders ausgerüstet mit Gaben des Geistes und des Leibes? Nein! Der Mensch sollte im freien Gebahren erst die ganze, maßlose Rohheit seines Wesens hknstellen, um durch eigene Kraft sich daraus zu lösen, und Stück vor Stück sich davon zu befreien, in dem Laufe der Jahrtausende. Darum aber zündete ihm Gott in der Religion die Leuchte der Wahrheit an, und das Licht des Rechtes und die Flamme der Liebe, daß der Mensch nach und nach ihren Strahl schaue, erfasse und sich davon erleuchten und sich davon durchglühen lasse im Laufe der Jahrtausende. Dann stellte er ihm eine hochherrliche Zukunft hin, wo er die Wildheit seiner Natur ganz überwunden, wo er das Thierische, das Selbstische, die Leidenschaft ganz bezwungen, wo er allein der Gesammtheit, nicht sich selbsten diene, wo Recht und Liebe allein die Herrschaft führen, wo Freiheit und Brüderlichkeit Alle umfassen, wo Erkenntniß und Gottesfurcht Alle erfüllen sollten. Jenes, m. Fr., war die erste Vergangenheit, dies ist die letzte Zukunft des Menschengeschlechtes. Aber von einer Vergangenheit bis zu dieser Zukunft war und ist ein weiter Weg. Langsam gehet ihn die Menschheit, Aber sie gehet ihn. Zahllos sind die Schrittsteine und die Stationen und die Wegweiser, aber sie führen und zeigen alle nach ein§m Ziele hin. Dies ist die Erziehung des Menschengeschlechtes, wie sie von Gott entworfen worden, wie sie von Gott ausgeführt wird, bis dereinst die Menschheit, frei und fröhlich gleich den Hindinnen, die Höhen des Menfchenwesens beschreitet. II. Wie aber erziehet Gott die Menschheit? Auf welche Weise leitet er diese Erziehung des Menschengeschlechtes? Daß es keinen leichten, sanften Weg, keinen Pfad auf schwellendem Rasen, durch blumige Auen gelten kann, daß dieser Weg der Menschheit durch nackte Wüsten, durch wilde Schluchten, über reißende Ströme und scharfkantige Felsgebirge gehen mußte, daß sie oft mit nackter Sohle über glühende Steppen schreiten, oft welterschütternde Stürme bestehen mußte, das ist ersichtlich. Hingegeben den gewaltigsten Leidenschaften, auf den Boden der dumpfesten Geistesverirrung gestellt, wie konnte und kann sie sich frei machen davon ohne mächtige Kämpfe? Aber dies war eben der Wille des allweisen Meisters. Nur so konnte die Menschheit groß und stark werden, nur so die schlummernde Kraft riesenmächtkg entfalten, nur so sich selbst überwinden. Je größer die Aufgabe, desto größer die Schwierigkeiten, desto schwieriger der Sieg, desto verdienstlicher der Triumph. Begreifen wir daher, m. Fr., das Werk der göttlichen Vorsehung wohl. Zuerst dürfen wir nicht mit kindischer Ungeduld an dem Ziele verzweifeln, weil es so lange schon noch nicht erreicht ward und noch heute nicht erreicht ist und noch lange nicht erreicht sein wird. Aber ist denn noch gar Nichts erreicht? Sehen wir nicht, um was die Menschheit kämpft? Kämpft sie um in die Knechtschaft zu gelangen, oder um in die Freiheit? Kämpft sie, damit Unterdrückung, rohe Gewalt und Unrecht herrschend werden, oder daß Freiheit und Recht und der Gedanke allein das Heft führen sollen? Kämpft sie, um den Jcrthum und den Aberglauben zu verbreiten, odet um die Wahrheit und die Erkenntniß überall hin zu erkräftigen? Nun, dann ist doch das Ziel offenbar und sichtlich, und wenn wir es noch nicht erreicht, wie können wir dies verlangen! Alsdann dürfen wir nicht mit kurzsichtigem Blicke, wenn eine Gegenwart sich umdüstert, wenn eine Zeit voll Stürme und Verwirrung ist, an dem Ziele verzweifeln. Oft, zeigt uns die Geschichte, läßt Gott die Menschheit selbst wieder etwas rückwärts schreiten, um sie dann desto rüstiger vorwärts zu drängen; oft läßt er die Leidenschaften sich wieder alle entfesseln, um sie desto vollständiger bändigen zu lassen; oft läßt er einen Abweg einschlagen, um desto sicherer den rechten Weg erkennen und verfolgen zu lassen. Denn Gott leitet die Menschheit, aber nur im Geiste, ohne die Menschheit anders als durch sich selbst zu zwingen und zu bestimmen. Endlich dürfen wir nicht in arger Selbstsucht, wenn wir unter dem Allgemeinen leiden, wenn wir unter dem großen Schritt der Menschheit bluten, wenn bei den großen Umwälzungen der Menschheit unser Besitzthum, unser Erwerb sich mindert, an dem Ziele verzweifeln. Lehnen wir uns nicht auf, murren, verurtheilen wir nicht

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