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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-06-19 · Heft 26 (19.6.1848) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 26 (19.6.1848)
Date
1848-06-19
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 seines Innern, die Schauern, die sein Gebein durchfahren, geschildert hat, und er jubelt seines Gottes, der ihn die Höhen ersteigen läßt? --Aber dies ist die Aufgabe: in den Zeiten der Bedrangniß, in den Zeiten, wo Alles schwankt und stürzt, wo unser Innres zittert und unsre Lippe bebt, da soll die Religion den Menschen über sich selbst erheben, eine, wenn auch nicht fröhliche, doch vertrauensvolle Aussicht in die Zukunft eröffnen, und ihn seines Gottes, der seine Kraft ist, jubeln machen. Die Religion, meine Freunde, ist keine Freundin wilder Bewegung, gewaltsamer Stürme, wo die Menschen in feindlichen Parteien aufeinander stoßen und sich zu vernichten streben, die Religion ist auch nicht gleichgiltig gegen die Leiden der Menschheit, gegen das tiefe Weh, welches über zahllose Einzelne kommt, wenn das Allgemeine aufgeregt ist, wie eine sturmgepeitschte See, — aber sie erkennet in Allem, was geschieht, das Werk der göttlichen Vorsehung, die Anordnung des allweisen- Lenkers, und ruft darum, dem Menschen zu: Ertrage, denn es gereicht zu deinem Heile! Sie läßt die Gewißheit des Sieges für das Bessre, die Ueberzeugung einer großen, reichen Zukunft nimmer fahren, und ruft darum dem Menschen zu: Kämpfe, denn nur durch den Kampf gelangst du zum Siege! M. Fr.! Was ist.die große, ja die größte Lehre der Religion in den menschlichen Dingen? Ich will sie Euch kurz bezeichnen — die Erziehung des Menschengeschlechtes durch Gott! Sie sagt: Gott, in dem weisen Plane, den er für die Menschheit entworfen, führet diese von Stufe zu Stufe, läßt sie ersteigen Stufe nach Stufe, um sie in freier Entwickelung zu immer größerer Vervollkommnung, zu immer tieferer Erkenntniß, zu immer weiterer Freiheit, zu immer sichererm Rechte, zu einer immer innigem Vereinigung in Wahrheit und Liebe zu bringen, bis sie, wie der Prophet sagt, auf ihren höchsten Höhen schreitet. .Eine solche Erziehung des Menschengeschlechtes, m. Fr., gehöret zu den Jkkarim, zu den Fundamentallehren unsrer Religion, denn sie ist der ganze Inhalt der Lehre von einer messianischen Zeit; sie wird von der Schrift auf ihren ersten Seiten schon bei Gelegenheit der s. g. Sündfluth ausgesprochen; und die Propheten tragen sie in ihrem Munde fort und fort. Diese Erziehung des Menschengeschlechtes, sie erreichte ihre erste, wesentliche Stufe in dem Ereigniß, das der heutige Tag feiert, in der Verkündigung der Zehn Worte auf dem Sinai, womit sie zum ersten Male als das bestimmte sichtbare und faßbare Werk Gottes hervortrat. Und um so mehr werdet Ihr mir ein williges Ohr leihen, wenn ich Euch einlade, in dieser Stunde der Betrachtung näher darauf einzugehen: Herr des Lichtes, es kommt Dein Licht, öffne unsere Augen, um es zu schauen! Amen. I. Andächtige Zuhörer! So weit unser Auge reichet, sehen wir eine.Welt, die Gott geschaffen, in unabänderlich bestimmten Bahnen, nach beständigen Gesetzen, immer dieselbige. Alle Geschöpfe, die wir kennen, bleiben dieselben, seitdem wir sie kennen, und bleiben so. Jedem ist sein bestimmtes Maaß von Kräften gegeben, über daS es niemals hinausgeht. Aeußeres und Innres, Form und Wesen entsprechen sich da genau, und zwar stets auf dieselbe Weise. — Anders mit dem Menschen. Den Menschen laßt Gott erstehen, ohne Kunst und ohne Willen, ohne Bewußtsein und Vermögen. Aber kaum daß er ist, kaum daß er die ersten Schlummermonde hinter sich hat, da beginnt die Entfaltung. Innen wird es' rege und bewegt, und gewinnt Kraft nach außen. Das Bewußtsein erwacht. Die Gefühle werden lebendig und strecken ihre Fühlfäden aus. Der Gedanke ersteht, und beginnt zu arbeiten. Und von dieser Stunde an gehet der Mensch einen eigenen Weg, einen rastlosen, der Entwickelung und Bildung, bis die Stunde des Scheidens gekommen. Da ist Jeder verschieden und anders; da wohnet im Innern, was im Aeußern sich nicht kund thut, und Wesen und Form bedingen sich nicht. Da erreichet Jeder eine andre Stufe, eine verschiedene Höhe, der Eine gelangt dahin, der Andre dorthin. Wie es aber mit dem einzelnen Menschen, so, m. Fr., mit dem ganzen Menschengeschlechte. Wie es der Schöpfer werden ließ, stand es auf der niedrigsten Stufe, armseliger als das Thier. „Sie waren nackt," sagt die Schrift, „und schämten sich deß nicht." Dann aber begann die Entfaltung. Das Werk der Menschheit brach an. Hier der Ackerbau, dort die Viehzucht; hier der Städtebau, dort die Tonkunst, die Hämmern und Schmieden; und das Begonnene trieb weiter, immer gewaltiger regte es den Menschen an, bald wollte er mit seinem Bauwerk den Himmel erreichen. Aber, nicht blos das äußere Werk. Von innen brach die Leidenschaft hervor,

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