Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 25 (12.6.1848)
- Date
- 1848-06-12
- Page
- Seite 366 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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866 Mittel des Gerechten" dem harten Urtheilsspruche zuvorzukommen. Ein gleiches Schreckmittel war der unerwartete Eintritt des Lehrers in das Haus. Da krochen die Kinder furchtsam in einen-Winkel oder hinter den Ofen und die 'bethörten Eltern bewunderten den Lehrer, der sich solchen Hunderespekt erzwingen konnte, und hielten ihn für den rechten Mann. Wer glaubt nun nicht an den Horazischen Spruch, „daß die Zeiten wechseln und wir mit ihnen"? f) Lokal und Unterricht. Um nun das Bild der damaligen Schulzuftände zu vollenden, bitte ich den lieben Leser, mit mir einen Spaziergang in jene Schulen zu machen, um über Lokalität und Unterricht einen treffenden Begriff zu erhalten. Das Aeußere der Schule wird Dir schon nichts Gutes ankündigen. Es ist ein durchaus enges, niederes, licht- und luftarmes, unsauberes Behaltniß, worin die Kinder sich eingezwängt befinden; kleinere, mittlere, größere Knaben und Mädchen sitzen durcheinander. Ein odiöser Geruch ist der Willkomm, der Dir beim Oeffnen derselben gegeben wird. Wände und Fußboden siehst Du bestaubt, vermodert, mit Spinneweben besäet. Die Kinder sitzen um einen Tisch gelagert, oft dicht wie die Häringe verpackt auf alten wurmstichigen Stühlen und Bänken, mit zerlumpten Kleidern, schmutzig an Körper und Gewand, oft aussätzig und unreinen Hauptes. Da das Schulhaus gewöhnlich auch die Wohnstube der Lehrerfamilie ist, diese aber gewöhnlich zu den Dürftigsten der Gemeinde zählt, so wirst Du, lheurer Leser, die Reinlichkeit hier wenig suchen wollen. Daher nun die siechen, schwächlichen Körper, daher die blaffen Gesichter, welche die Judenkinder charakterisiren, daher endlich die damals unter den Juden so häufig anzutreffende häusliche und körperliche Unreinlichkeit, da der junge Mensch diejenigen Bilder für's ganze Leben festhält, die ihm in der Zeit der Jugend vorschwebten und die nur durch die treueste Pflege aus der Seele verwischt werden können. Die Eltern nahmen an dem Schmutze der Kinder nicht den geringsten Anstoß; vielmehr hatten sie um so größere Aussichten, einst einen hoffnungsvollen, gelehrten Sohn zu bekommen, je schmutziger, plumper und unordentlicher derselbe sich dargestellt hatte. Lange jedoch findest Du nicht Zeit, über den äußern Befund der Schule Reflektionen zu machen, denn die anwesenden Kinder haben keine Schlösser vor dem Munde, sie sind nicht schwerer Lippe und schwerer Zunge und summen und brummen, wie ein Bienenschwarm, sie lärmen und toben, wie eine Schlagmühle,, sie sausen, brausen und zischen, als zöge eine Eisenbahn vorüber, sie schnattern und gattecn, als glaubtest Du eine Herde Gänse in der Nähe. Du beginnst ein Gespräch mit dem Rabbi, da Du ihn aber wegen allzugroßen Blöckens und Schreiens der Kinder nicht verstehen kannst und allzuoft Wie? rufen mußt, wird dieser auf das sonst gewöhnte Geschrei aufmerksam und seine starken Ohrennüffe schaffen Dir auf kurze Zeit Ruhe, und nun beginnt der Unterricht. Was geschieht? Der Eine versucht im Deutsch-Chummesch zu lesen, dessen Blätter jedoch beim Aufschlagen auseinander fallen, was allgemeine Freude verursacht. Die Anderen lernen im größten Kauderwelsch ihr Raschk. Ein Drittes strickt aus Kurzweil; ein viertes legt Eßwaacen auf den Tisch; ein Fünftes spielt mit Papierstreifen oder Chanukkatrenterchen, die Anderen schlagen oder stoßen sich und da der Lehrer als Vermittler auftreten will, packt der tapfere Knabe seine Bücher auf, geht nach Haus, schlagt die Thüce zu und spricht drohend zum Lehrer: „das wird meinem Vater gesagt" und der Rabbi zittert und sieht mit Angst den kommenden Auftritten entgegen. Du siehst also, lieber Leser, daß das Wort „Judenschule" mit Recht kein achtungseinflößendes ist. Nun möchtest Du aber auch, geduldiger Freund, das Was und Wie der hier betriebenen Objekte kennen und Du sollst es sogleich erfahren. Hebräisch lesen, hebräischdeutsch, Chummesch mit Raschk, die Benediktionen Esther, Echa und die Pesachhagada waren die Unterrichtsgegenstände, wozu sich noch etwas jüdisch-deutsch Schreiben gesellte, Kinder, die noch kaum das 4te Jahr zurückgelegt, mußten die Schule schon besuchen. Mit dem Alphabete wurde ohne weitere Vorbereitung der Anfang gemacht. Die Lehrer unterrichteten die Kinder nicht zusammengehörig, sondern ließen sie einzeln hecvortreten und nun begann, der früher herrschende, grenzenlose Mechanismus beim Erlernen des Alphabets. Der Lehrer begann: Kumez Olef u, Kumez Bes bu, Kumez schlechte Zadik zu, Pasach krumme Nun nu rc. rc. und das Kind mußte nachsagen, bis es nach erhaltener tüchtiger Tracht Schlage den Zusammenhang des Vorgesagten mit dem zu Lesenden ahnte. Für Lehrer und Schüler war das Lesenlernen eine wahre Penitenz und wenn nach jahrelangen Mühen das Kind endlich das Lesen erlernte, so war dies ein Wunder; gewöhnlich bedurfte man mehre Jahre dazu, ja es gab Manche, die es während der ganzen Schulzeit nicht zum sichern, geläufigen Lesen brachten.