Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 24 (5.6.1848)
- Date
- 1848-06-05
- Page
- Seite 350 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225576--09440-3237699- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
350 Sie waren in den Jeschibo's nur für Heranbildung der Rabbinen und nicht für Schulmänner bestrebt, und zu einer Inspektion über die Schulen hatten sie ebenso wenig gesetzliches 'Recht, wie Neigung. Nur um die einträglichen und sich oft wiederholenden Schächterprüfungen bekümmerten sie sich und wenn es hoch kam „verhörten" sie an jedem Sabbat einige bessere Schüler in demwas sie im Laufe der Woche erlernten. Die Gemeinde aber war theils zu unwissend für Akquirirung guter Lehrer, theils hatten sie keine zu große Auswahl und konnten für bessere Ausbildung derselben keine Maßregeln treffen. Und so bieten die Lehrer dieser Periode, wie wir bald sehen werden, nur das Bild unwissender, gesinnungsloser Possenreißer und Kriecher dar, ihr Einfluß war Null, die Schule wurde eine Marterkammer, der Unterricht purer Mechanismus, hohl und leer. — Wir stehen bei der speziellen Charakterisirung dieser Periode. 3) Ansichten vom Schulamte. Die Meinung, die man in der Zeit dieser Epoche vom jüdischen Schulunterricht hatte, war des Gegenstandes völlig unwürdig. Man erkannte ihm nur den Werth zu, im Stande zu sein, den jungen Israeliten mit den äußeren Uebungen und Gebräuchen seiner Religion insoweit vertraut zu machen, als unumgänglich nothwendig war, sich als Bekennnec derselben der Gemeinde und der Familie gegenüber gehörig darstellen und das Zeremoniale, das mit der Moral gleich oder gar höher berechtigt war, jeder Zeit vorschriftsgemäß üben zu können. Man hatte aber keine Ahnung von dem hohen Berufe der Schule, das Heiligthum des Menschen, Reinheit des Herzens und Bildung des Geistes fördern zu helfen; und erkannte noch nicht ihren Einfluß, für Gesittung und geistige Erhebung des Volkes bekzutragen, die Menschheit dem Ziele der allgemeinen harmonischen Ausbildung des Menschengeschlechts naher zu bringen und zur Vertilgung des Uebels beizutragen; einfacher, man ahnte nicht des Geistes hohe Bedeutung und Wichtigkeit an und für sich, nichtseinen Einfluß auf die Veredelung des Menschen, nicht seine Keimkraft für die allgemeine Wohlfahrt, nicht seinen Segen in moralischer, nicht sein Gewicht in politischer Beziehung. Die Masse des Volkes war ohne ihr Verschulden unwissend und roh, daher unfähig, den Gegenstand geistig genug erfassen und würdigen zu können. Man wende nicht ein, daß viele den Unterricht würdigende AeußerUngen in den jüdischen Schriftwerken der letzten Zeit niedergelegt sind, Solche fanden keine Beachtung und waren denn doch zu vereinzelt. Und gerade die häufige Erinnerung an die Wichtigkeit des Unterrichts geben Beweis, daß die Erinnerung nöthig sein mußte. Auch Luther sagte: „Einen fleißigen und frommen Schulmeister oder Magister oder wer es ist, der Knaben treulich zeucht und lehrt, den kann man nimmermehr genug lohnen und mit keinem Gelde bezahlen", und wir wissen denn doch, wie es mit Unterricht und Belohnung des christlichen Lehrers bis zum gegenwärtigen Jahrhundert gestanden. b) Berufswahl. Die allgemeine Mißachtung des Schulamtes bewirkte nun zunächst, daß sich nur unwissende und unfähige Personen ihm widmeten und man um Vorbereitung sich wenig kümmerte. Liebe zum Kinde und dessen Bildung war es am Wenigsten, welche zum Lehramte führte, sondern größtentheils Brodlosigkeit und Dürftigkeit oder Mangel an anderen Erwerbszweigen. Männer, die bei anderen Geschäften die Schwungkraft verloren, die sich bei mißlungenen Handelsexperimenten rettungslos die Flügel verbrannt hatten und deren Hände zum nochmaligen Experimentirrn gelahmt waren, bankerottirte Geschäftsleute, Kinder brodloser Eltern, mitunter Wanderbursche, die keine Arbeit fanden, aber eine gesunde Stimme zum Schreien in der Synagoge hatten, steckten sich in die Schuljacke, hier ein Asyl suchend. Es war daher nicht auffallend, wenn ein Jude heute Handelsmann und morgen Lehrer war und umgekehrte Oder es waren ausgeworfme Schlacken der Jeschibot, halbe Lomdim, die in einfältigem Dünkel und in arger Verblendung jener Zeit, wähnten, sie wüßten als. Lehrer mehr, als erforderlich, oder endlich waren es von ihren Weibern vertriebene oder entlaufene Polen*), die das Schutregiment übernahmen. Vielen Anderen wurde das Schulamt übertragen, die nie vorher daran gedacht. Das zur Füh- *) In dem Büchlein •ibiött irmwa (vom I. 1716) finden wir Seite 25: „Wenn die lang gehandelt haben und seien abkummen und seien vertorben, so is kein andre Zuflucht men, das "wieder das Lernen müss'n geh'n. Und werscht sehn an pulnische Rabbonim; wenn sie sich verhandelt haben auf Pfennig und Heller; erscht hebt er an zu wandern, wer'n a Kneller wie mer denn zu aller Hand die pulnisch sind' in jedem Land, das ist ihn' drum weder Spott noch Hohn', wohl unfern w, sie könten's ach so thun."