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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-06-05 · Heft 24 (5.6.1848) · p. Seite 349

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 24 (5.6.1848)
Date
1848-06-05
Page
Seite 349 (sequence 13)
Language
German
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349 eknrichtung und geselligen Freuden. Dazu kam zweitens, daß das christliche Schulwesen im Allgemeinen ebenfalls sehr danieder lag, die Volksbildung äußerst unbedeutend war, die pädagogische Wissenschaft ganz unbeachtet blieb, so daß von außen her keine Impulse zur Pflege des jüdischen Unterrichts gegeben waren. Dies die äußeren Ursachen. Die inneren sind noch erheblicher. Wir rechnen dazu vorerst das ausschließliche Studium des Talmuds und in dessen Folge die geistige Stagnation, welche das religiöse Leben erstarren machten, und zu einer undurchbrechlichen Eisrinde gestalteten. Man ftudirte wol noch immer, aber das Studium ward nicht mehr Mittel, sondern Selbstzweck. Das Abhaspeln eines Stückes derMischna und des Talmuds, selbst wenn man kein Wort davon verstand, ja die Akzentuation war schon heilbringend bJ*)ö73, galt at§ htssa. In den Kinderschulen war wie beim Studium überhaupt das selbstständige Denken verpönt. Verschrobenheit des Verstandes,'Verdumpfung des Geistes, Superstitionen aller Art, waren die herben Früchte des unpädagogischen Unterrichts daselbst. Die Religionsbegriffe mußten wie der Geist zusammenschrumpfen, denn das Hauptaugenmerk ward auf das Zeremoniale, auf die Benediktionen und auf mechanisches Lesen rc. gelegt, wie bald ausführlicher gezeigt werden wird. Auf den Grund göttlicher Gebote wurde nicht im Geringsten gesehen, da Zweifel nicht gedacht werden konnten. Künste und Wissenschaften waren verschlossene Gärten, ja man suchte diese aus religiösen Wahnbegriffen zu verpönen. Krassen Aberglauben jeglicher Art, Vorurtheile in Unzahl, groben Unsinn pfropfte man recht geflissentlich, wenn auch mit der besten Absicht, auf den jungen Sprößling, und solcher Unterricht, verbunden mit der Praxis der Lehrer und Eltern konnte nur schädlich auf gesundes und religiöses Denken und Leben influiren. Ja es ist zu verwundern, daß beim Zusammentreffen so vieler nachtheiligen Verhältnisse das Volk nicht weit tiefer auf der sittlichen Stufenleiter hinuntersank. Aber die bewundernswürdige innere Triebkraft der jüdischen Religion hat einen gesunden Keim dauernd erhalten, das Feuer derselben glimmte fort unter dem Schutte erstickender lebensloser Satzungen. Der größte Theil wuchs auf ohne allen und jeden eigentlichen Religionsunterricht. Viele ahnten kaum. Andere mißverstanden die heiligen Lehren ihres Glaubens. Und nur die gemeinheitlichen Institutionen, die liturgischen Formen, das Familienleben, das trauliche, der durch die Roth immer wach gehaltene Wohlthätigkeitssinn rc. hielten den größten Theil unserer Glaubensgenossen an seiner Religion fest. Die religiösen Feste z. B. mit ihrer Kerzenhelle, das Hehre eines Versöhnungsfestes, der wohlthuende Sabbat blieben als holde Erinnerungen in dem Herzen und man mochte sich von ihnen in der „süßen Gewohnheit des Daseins" nicht trennen. Die altväterlichen Sitten und Institutionen boten fortwährend für Geist und Herz beständige Reize dar, der Geist des Sknaibundes unterhielt immerdar waches Leben und beugte der völligen Entsittlichung mit mächtiger Gewalt vor, und so kam es, daß auch in der damaligen Zeit so viele tugendhafte, gottesfürchtige und fromme Männer erstanden, die man so manchem Jlluminkcten und Gebildeten der Gegenwart nicht nur an die Seite, sondern über ihn stellen könnte. Aber daß diese Individuen durch die Schulen das geworden, was sie geworden, läßt sich so ohne Weiteres nicht behaupten. Viele solcher Leute müssen zu den seltenen Ausnahmen gezahlt werden, die ihre Bildung aus eigner Geistesfülle schöpften und durch eigne Prüfung der Glaubens- und Tugendwahrheiten ihr Pflichtgefühl belebten und verklärten. Bei ihnen, wenn nebst ihrer Verstandesfähigkeit auch die Reinheit ihrer Sitten keinen Schaden nahm — finden wir das Gepräge einer ursprünglich vorzüglichen Anlage bewährt. In dem Genie wirkt die Natur mit solcher Heftigkeit, daß auch ein Mangel an Erziehung es nicht zurückzuhalten vermag. Die Geschichte aller großen Männer beweiset dies. Sehen wir sohin in der Zeit, in der wir die Schilderung des Schulwesens unternommen, trotz der schrecklichen Gestaltung desselben, viele brave Menschen erstehen, so müssen wir dies, wie gesagt, nicht den Schulanstalten, sondern dem Reichthum an gesunder Denk-und Lebenskraft, dem Umgänge mit guten Menschen, dem Einflüsse besserer häuslicher Umgebung, die durch religiöse Sitten und Gebräuche geschaffen wurde, verdanken, welche Sitten und Gebräuche durch das stete Zusammenleben der Juden in Ghetto's gleichsam stereotyp geworden, wobei jedoch nicht in Abrede gestellt werden kann, dÄß die Mehrheit verkrüppelte'an einer klaren Erfassung ihrer Pflichten und ihrer Bestimmung, daß der moralische Zustand in größte Verwahrlosung gerieth und die Verirrungen vieler mißrathenen Talente fürchterlichen-Einfluß auf sich und Andere ausübten. Der schlechte Schulunterricht, der einestheils die Miturfache dieses schlechten Zustandes gewesen, war andererseits auch wieder Folge. Wer hätte für bessern Unterricht sorgen sollen? Die Rabbinen bekümmerten sich Nichts um die Qualifikation des Lehrers.

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