Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 24 (5.6.1848)
- Date
- 1848-06-05
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
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345 zahl nach sind die gegen diese Bill bis jetzt in der Mehrheit. London, 26.-Mai. (Privatmitth.) Was wir schon beim Beginne der Verhandlungen über die Judenbill vermuthet und ausgesprochen haben, ist in Erfüllung gegangen: das Qberhaus hat sie verworfen, mit 163 Stimmen gegen 128, also mit einer Majorität von 35 Stimmen. Das . englische Oberhaus verwarf den Eintritt der Dissenters in das Parlament solange, bis das Volk es dazu zwang; das Oberhaus verwarf den Eintritt der Katholiken in das Parlament solange, bis das Volk es dazu zwang. Ebenso verwirft es den Eintritt der Juden nun schon zum dritten Male. Wir glauben nicht, daß eine Volksagitation deshalb stattsinden wird. Die Stunde, wo das aus der höchsten Aristokratie bestehende Oberhaus entweder ganz aufhören, oder doch einer bedeutenden Umgestaltung unterliegen wird, diese Stunde erst wird auch die der vollendeten Gleichstellung der Engländer sein, welche den jüdischen Glauben bekennen. Daß diese Stunde nicht mehr sehr fern ist, erscheint allerdings aus vielen Anzeichen wahrscheinlich. Daß das englische Volk das Aufhören der bürgerlichen Beschränkung aus konfessionellen Gründen will, das hat das Unterhaus, das haben die zahllosen Petitionen zu Gunsten der Bill bewiesen. Erwarten wir die Folgen. Allerdings thut es uns leid, daß das Oberhaus also votirt hat. Die Reaktion ist auch auf dem Kontinente schon lebhaft erwacht, und die Reaktion gegen die Juden ist bei Weitem größer, als die gegen, die politische Umwandelung im Allgemeinen. Denn derer, welche nicht einsehen, daß eine politische Neugestaltung ohne Gleichstellung der Konfessionen nicht möglich ist, wenn sie nicht im Innersten den Widerspruch in sich tragen soll, giebt es noch Allzuviele. Man wird „die Engländer" wieder als Beweis gegen die Emanzipation der Juden anführen, während es nur 35 englische Aristokraten sind, die sie verhindert haben. Mögen aber auch die Juden hieraus abermals erkennen, wo ihre eigentlichen Gegner bestehen. Geben wir jetzt einen kurzen Bericht üher die Verhandlungen des Oberhauses in seiner Sitzung vom 25. Mai. Der Marquis von Landsdowne trug auf die zweite Lesung der Bill an. Er machte die geschichtlichen Gründe geltend, daß die Juden eigentlich niemals ausgeschlossen waren, und der Eidder sie fern hält, nur gegen die Katholiken gerichtet war. Er leugnete, daß es eine religiöse Frage sei, da keine Religionsvorschrift, kein Theil des geoffenbarten Willens Gottes den Lords gebiete, die Glieder eines Glaubens zu benachtheiligen, der mit dem Christenthum in so direktem Verhältniß steht, und deren Neigung zum Wohlwollen, zur Wohlthätigkeit und Humanität ihnen den höchsten Anspruch verleihen. Da die Juden zur Magistratur zugelassen worden, so könnten sie vom Parlament nicht mehr ausgeschlossen werden. Der Earl von Ellenborough trug auf Verwerfung an, behauptend, daß das Gute, welches in der Bill liege, zu gering sei gegen die ungeheure Größe des Opfers. Der Grundsatz, daß Jedermann ohne Berücksichtigung des Glaubens in das Parlament eintreten dürfe, zerstöre das wichtigste Prinzip der Konstitution. Die Juden wären Bürger der Welt> und könnten sich daher mit dem spezifischen Charakter des englischen Gesetzes nicht identifi'ziren. Die Vorsehung habe mannigfach gewarnt, den christlichen Charakter des Parlaments nicht hintenanzusetzen. Der Herzog von Cambridge (Oheim der Königin) spricht seine Achtung vor den Juden, deren er Viele in Hannover und England kennen gelernt, aus, will aber, daß England eine.christliche Gesetzgebung behalte. Lord Canning widerlegt den Earl von Ellenborough, und zeigt besonders, daß alle Klassen des englischen Volkes einen Widerwillen gegen Ausschließungen aus religiösen Gründen haben. Der Erzbischof von Canterbury findet den Grund zur Verwerfung in dem Gegensatz, den die Juden gegen das Christenthum bilden. Der Earl von W i nchelsea meint, wenn die Juden zugekaffen würden, würden die Bischöfe ausgeschlossen. (!) Der Herzog von Argyll hält eine, von allen Parteien belobte Jungfernrede zu Gunsten der Bill. Der Bischof von St. David leugnet, daß der Ursprung der Bill im religiösen Jndifferentismus liege, sondern daß der Widerspruch wider die Bill nur aus, vom Mittelalter überkommenen Vorurtheilen entspringe; das Christenthum leide durch die Annahme der Bill nicht. . Der Bischof von Oxford donnert gegen die Bill. Er meint,, die Juden identifi'ziren sich nicht mit der 24*