Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 23 (29.5.1848)
- Date
- 1848-05-29
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225575--09418-3237676- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
829 betitelt entnehmen, der in beiden hiesigen Lokalblättern abgedruckt war und aus der Feder eines sowol durch sein Rednertalent, als durch seine Humanität allgemein geachteten Mannes, des Herrn O.-L.-G.-Affeffors Gande, der zugleich Vorsteher des hier bestehenden konstitutionellen Klubs ist, geflossen. Diese Zeilen sind folgende: „Wann ist die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte von dem religiösen Glaubensbekenntniß unabhängig geworden? Auf dem ersten vereinigten Landtage vertheidigten die Minister des Königs das Prinzip des christlichen Staats. Weder die Schärfe des Geistes noch die spitzigen Pfeile des Witzes vermochten die intoleranten Herren des Glaubens zu überzeugen. Der Staat sollte christlich bleiben, und das Land wurde heimgefucht mit dem Gesetze vom 23. Juli 1847 über die Verhältnisse der Juden. Allein die Vorsehung hatte es anders beschlossen. Der Kampf brach aus — und die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte ist fortan vom religiösen Glauben unabhängig. Aus ihrem Paradiese verscheucht, mögen nunmehr die Herren des Glaubens in christlicher Liebe und Demuth darüber Nachdenken, ob der Ausspruch Friedrichs des Großen, daß Jeder auf seine Faeon selig werden könne, eine Wahrheit sei!" — Was mag wohl Herr v. Thadden, der mittest desHexen-Einmaleins aus Göthe's „Faust" beweisen wollte, warum jüdische Lehrer christliche Kinder im Rechnen nicht unterrichten dürfen, hierzu sagen? — doch tempora mutantur et nos mutamur in illis, heute mag er sich eines Bessern besonnen haben und damit einverstanden sein, daher kein Wort mehr hierüber. Was unsre Stadt im Allgemeinen betrifft, so wird die Annäherung zwischen Juden und Christen immer größer; es sind die hiesigen Israeliten sowol am konstitutionellen Klub, als auch an der Bürgerwehr betheiligi und befinden sich in Letzterer in der Person des hiesigen Kantors ein jüdischer Unteroffizier und in der Person eines achtbaren Gemeindemitglieds (des Herrn Schlesier) ein jüdischer Offizier. Es ist dies zwar nicht von sonderlicher Bedeutung, allein man muß bedenken, daß hier unter beinahe 10,000 Einwohnern kaum 40 jüdische Familien und daß wir in der Nähe einer Gegend wohnen, wo sich dieJuden früher*) gar nicht aufhalten durften! W —ll. Prag, 9. Mai. Nachdem die Judenkrawalle der vorigen Woche mit großer Energie gestillt worden, hielten es Stadtrath und Stadtverordnete für nothwendig, gemeinsam dahin zu wirken, daß auch durch Wiedereinführung der Juden auf den sogenannten „Tandelmarkt" dem Haufen gezeigt werde, wie wenig man geneigt sei, in diesem Punkte seinen inhumanen Forderungen nachzugeben. Ein Tumult war deshalb für gestern öffentlich angesagt, erfolgte aber nicht, da starke Pikets von Militär und Nationalgarde alle Zugänge nach dem Stadttheile besetzt hielten, in denen, der Tandelmarkt liegt. (D. A. Z.) Berlin, 20. Mai. Morgen am Sonntag den 21. Mai haben die Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde eine außerordentliche Versammlung angesetzt, wozu ein großer Theil der hiesigen Gemeindemitglieder, d. h. Solche, welche bei der Gemeinde beitragen, eingeladen worden ist. Zweck der Versammlung ist Besprechung der jetzigen Verhältnisse in Beziehung auf die Gemeindeangelegenheiten, die ebenfalls, wie so viele andere in ihrem bisherigen Bestehen nach den jüngsten Ereignissen in ihren Grundfesten erschüttert sind, insbesondere da sie auf Fundamente basiren, die schon längst mit der Gegenwart in arge Kollision gerathen sind. Hauptsächlich ist dies die Synagogenverwaltung. Breslau, 19. Mai. Die Gesellschaft der „B rüder" zu Breslau hat die silbernen Gefäße der großen Synagoge, im Gewicht von einhundert Mark, der Regierung abgeliefert. Man glaubt, daß auch die übrigen Synagogen diesem patriotischen Beispiele folgen werden. Leipzig, 21. Mai. Die Eröffnung der konstituirenden Versammlung wurde auch in der leipzigberliner Synagoge gefeiert. In der Festpredigt, welche die zum Neubau Deutschlands nothwendigen Eigenschaften des deutschen Volksrathes behandelte, wies der Prediger Jellinek darauf hin, wie der israelitische Staat durch Fremdherrschaft und durch Mangel an Einheit und Einigkeit spurlos zu Grunde ging, und wählte den Propheten Jeremias zu seinem Führer, der Augenzeuge vom Verfalle des ersten israelitischen Staats gewesen. Die Zukunft Deutschlands wurde als der Ausdruck des Rechts, der Liebe und *) d. h. vor dem 23. Juli 1847!