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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-05-22 · Heft 22 (22.5.1848) · p. Seite 316

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 22 (22.5.1848)
Date
1848-05-22
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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316 burger nicht anders dachten, als diese Wahlen durch unsere „erbgesessene Bürgerschaft" vornehmen zu lassen, versteht sich am Rande, und es wäre wol auch dahin gekommen, wenn nicht das preußische Ministerium Camphausen gezwungen worden wäre, die durch den antediluvianischen vereinigten Landtag bereits vorgenommenen Wahlen wieder zu kassiren und Urwahlen anzuordnen. So mußte nun hier den Patriziern der Herzbruch geschehen, fick mit Bürgern zweiten, dritten bis zehnten Ranges und gar mit Juden als gleichberechtigte Wähler zu stellen. Man muß indeß gestehen, sie haben ihr.Terran weit besser gekannt als die berliner, indem sie direkte .Wahlen - ausschreiben und unverzüglich — der Bundesbeschluß ist hier am 13. April publizirt und schon am 18. ward gewählt — wählen ließen. Dadurch gewann die wohldisziplinirte Börsenaristokratie, oder vielmehr der kleine Theil derselben, der sich überhaupt um politica kümmert, dem unvorbereiteten, gar nicht zu Athem kommenden Volke gegenüber die ganze Leitung und ihre Kandidaten erhielten nicht allein in der Stadt, sondern auch auf dem Landgebiet und sogar in der Kaserne fast alle Stimmen. Eines indeß war geschehen, der Jude Rießer hatte 1160 Stimmen (worunter wol nur etwa 750 jüdische) erhalten, und hätte bei seiner persönlichen Beliebtheit wirklich leicht Hamburgs Vertreter werden können, denn man hörte gegen ihn höchstens nur einwenden: wir können wahrhastig doch nicht einen Christen und zwei Juden wählen. . I)r. Heckscher, in seiner frühem Jugend getauft, gilt hier nämlich, so wie die getauften Juden im Allgemeinen, immer noch für einen Juden, und Heckscher fallen zu lassen, eines der bedeutendsten Mitglieder der Fünfziger, das ging schon nicht: er hat deshalb auch die Stimmen aller Wähler gehabt. Die Bekanntmachung wegen der Wahlen sagte, daß die Wähler sich entweder durch ihre Bürgerbriefe oder israelitischen Gemeindescheine zu legitimiren hätten, und die Söhne von Bürgern oder Gemeindegliedern durch dieselben Dokumente nebst ihren Geburtsextrakten. Die Klasse unserer jüdischen Permissi'onisten, d. h. fremden Juden, .die gegen einen Beitrag an die Gemeinde hier Geschäfte treiben, bleiben insofern von der Wahlberechtigung ausgeschlossen. Seitdem ist nun von hiesiger Seite in der jüdischen Angelegenheit, gar Nichts geschehen, und es scheint, der Senat ziehe, es überhaupt vor, sich von Frankfurt her zu den zeitgemäßen Reformen nöthigen zu lassen, als mit der Bürgerschaft um jedes Steinchen zu feilschen. In den innersten Verhältnissen der hiesigen Juden geht aber etwas überaus Wichtiges vor: ein großer Theil derselben wird ruinirt! Der Druck des Handels mit dem umliegenden Deutschland, mit Dänemark und den Herzogthümern fällt zum allergrößten Theil auf jüdische Häuser, die ihre, namentlich Manufakturwaaren nicht absetzen und ihre Ausstände nicht bezahlt erhalten. Sehr viele wohlhabende Häuser sind innerlich reduzirt und von Akkorden und Fallimenten hört man in einem weit stärkern Grade als bei den nichtjüdischen Kaufleuten. Daß die Juden hier im eigentlichen Welt-und Seehandel, so wie beim Kommissionshandel nur wenig betheiligt sind, das entsteht 1) weil fast keine jüdische Lehrlinge von Christen auf ihre Komptoire genommen werden um diese Geschäfte zu lernen, 2) weil die Juden von der Befreiung vom Staderzoll, die nur hamburgischen Bürgern zu Gute kommt, und dadurch von dem überseeischen Handel ausgeschlossen sind, 3) weil sich vermöge der hiesigen Gesetze und Verhältnisse überhaupt zu viele mittellose Juden auf den Handel legen. Deshalb bleibt ihr Wirkungskreis hauptsächlich auf das erwähnte, aus dem alten Kleidertrödel entstandene Manufakturfach beschränkt, worin das Etabliren leicht ist, in welchem aber Jeder, selbst der Kleinste, immer seine eigne Haut zu Markte trägt. Hoffen wir, daß sich, ungeachtet der sehr trüben Aussichten, Alles bald zum Bessern ändern wird. Hoffen wir, daß ungeachtet der neuen Köpfe, die jetzt jeden Tag der Reaktionshyder wachsen, Deutschland sich nicht wieder von dem demokratischen Geleise hinabdrängen lassen wird. Hoffen wir vor Allem, daß das preußische Volk seine ihm so lang versperrte naturgemäße Bahn fortwandeln wird! Darmstadt, 10. Mai. Bei der letzthin hier stattgefundenen israelitischen Gemeindeversammlung sollten hauptsächlich folgende Punkte zur-Sprachegebracht werden: 1) Einrichtung eines Soffntagsgottesdienstes; 2) Anwendung der deutschen Sprache; 3) Einführung einer Synodalverfassung, nach Maßgabe der Beschlüsse der Rabbinerversammlung; 4) Gebrauch der Orgel, und 5) Abschaffung des Frauenbades. Diese von dem aufgeklärten und gebildetem Theil der Ge-

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