Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 22 (22.5.1848)
- Date
- 1848-05-22
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225574--09403-3237660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
815 Juristen, der Bürger, der Grundeigenthümer und der für soziale und politische Interessen der Juden in Folge fast täglicher Zusammenkünfte momentan vereinigt hatten, eine große öffentliche Versammlung in der Tonhalle. unter Vorsitz des jetzt unter ben 50em in Frankfurt sitzenden und hier für die Nationalversammlung gewählten Dr. Heckscher so wie der übrigen Leiter gedachter Vereine — unter denen EU*. Rießer und vr. Wolffson — gehalten. Hier wurden denn 12 Sätze als Resolutionen proponirt, worunter: 1) Politische Berechtigung für jeden Staatsangehörigen, der dem Staate durch seine Person oder aus seinem Vermögen Wichten erfüllt; namentlich allgemeines Wahlrecht und allgemeine Wählbarkeit. 2) Gänzliche Trennung der Kirche vom Staat. Unabhängigkeit der bürgerlichen und politischen Rechte von dem religiösen Bekenntniß. 3) Ausdrückliche Anerkennung der Freiheit nicht nur der politischen sondern auch der religiösen Assoziation. 8) Unterricht für die Jugend aller Staatsangehörigen als Staatsangelegenheit. 12) Trennung der Schule von der Kirche. Diese Volksversammlung lief tumultuarisch aus, und die Unterzeichnung der 12 Punkte geschah erst in einer Fortsetzung derselben am folgenden Tage, unvorsichtigerweise vermehrt mit einem 13ten, wegen Aufhebung des Zunftzwangs. Unterdessen hatte der permanente Ausschuß der Bürgerschaft — Kollegium der 1.80er genannt — die 13 Punkte, ohne weiter eine Meinung darüber abzugeben, sich angeeignet und beim Senate eingebracht, der sie denn auch der am 13. eingesetzten Reformdeputation zur gründlichen Beachtung übergab. Am Abend des 13. entstand, indest, besonders in der Vorstadt St. Pauli ein bedeutender Krawall, der auch .einige Menschenleben kostete und noch weiter um sich zu greisen drohte. Der gewöhnliche Gewitterableiter, Judenhaß, dies bekannte, wohlfeile Hausmitttlchen ward nun auf gleiche Weise.wie um dieselbe Zeit in Berlin, und Frankfurt in.Beryegung gesetzt,, und .obgleich man ganz laut davon sprach, wie zu diesem Zweck ansehnliche Gelder ausgetheistseien., so.gab es doch ängstliche Spießbürger genüge die,, den natürlichen Zusammenhang jeder Sreiheitsbestxebung mit der Judenemanzipatiou nicht begreifend, die ganze. schlafstörende Aufregung den Juden zuschrieb. Wir sind inzwischen verschont geblieben, vielleicht mehr wegen eines am Abend des 14. eingetroffenen heftigen Regens; doch ich will nicht entscheiden, denn nie ist die Wahrheit jenes ewigen Wortes unsers Dichters der Freiheit und der Menschenwürde „Vor dem Sklaven-(Slaven.?>, wenn er die Fessel Lricht; Vor dem freien'.Manne erzittert nicht!" deutlicher erschienen^ als in dem Benehmen der Christen gegen die Juden in den verschiedenen Regionen Deutschlands und seiner Nachbarländer. Hier in Hamburg ist aber alles eigentliche politische Volksleben so null, daß eine eigene Wünschelruthe, in deren Besitz ich mich -nicht befinde, dazu gehört, um zu entscheiden, zu welcher von jenen beiden Klassen die Mehrzahl der Hamburger gehört. Daß die Gesinnung eines Sklaven, der die Fesseln aber noch nicht gebrochen hat, bei sehr vielen hiesigen Juden noch heimisch ist, haben sie bei dieser Gelegenheit in einem Grade -bewiesen, der sogar Rießer zu -dem, jedoch nicht ausgeführten Wunsche veranlaßte, aus dem Gemeindevorftande auszutreten. Inzwischen trat der berliner 19. März dazwischen und nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch, desgleichen am 21.—24. der Aufbruch hiesigen Freikorps nach Schleswig-Holstein, dem sich viele junge Juden anschlossen, und endlich legte Rießers Berufung zu dem Vorparlament in Frankfurt den beiderseitigen Sklavenseelen ein Schloß vor den Mund. Das hiesige Kommerzium, welches seinen Repräsentanten zu der gedachten Versammlung zu schicken wünschte, versammelte sich, um die Juden nicht auszuschließen, diesmal als „allgemeine Kaufmannschaft", die Juden hielten sich jedoch entfernt und nahmen an dieser Ernennung keinen Antheil, und das, wie.der Erfolg lehrte, mit ganz richtigem Takt, denn es sind seitdem, unter dem neuen demokratischen Himmel Deutschlands, drei Versammlungen des Kommerziums gehalten worden, wozu die jüdischen Kaufleute keinen Zutritt hatten, während die Versammlung, in der zu Geldbeiträgen für die deutsche Marine aufgefordert ward, wieder eine der „allgemeinen Kaufmannschaft" war. - Jndeß erfüllten sich die Verhängnisse: die Wahlen für das deutsche Parlament würden in bekannter Weise> in Folge von Riesters Antrag von dem Vorparlament auf der allerbreitesten Basis ausgeschrieben und nun waren die hiesigen Juden mit einem Male insgesammt wahlberechtigt und wählbar. Daß die Stock-Ham-