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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-05-15 · Heft 21 (15.5.1848) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 21 (15.5.1848)
Date
1848-05-15
Page
Seite 302 (sequence 6)
Language
German
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302 doch nichtscheiden, ohne, einen Blick auf die Wirkungen zu. werfen, welche die Nachrichten von diesen Greuelszenen hervorrieft Den Konst. Bl. aus Böhmen schreibt man aus Wien vom 28sten April: Ueber die Vorfälle in Preßburg äußert sich bei allen Ständen allgemeine Entrüstung, so. daß wol die preßburger Bürger bei ihrem Herkommen Insulten von Seite der christlichen Bürger nicht entgehen werden. Es zeigt sich in dieser Beziehung, wie weit die Residenz vorgeschritten, oder vielmehr wie eine Amalgamation der Verhältnisse im Leben und Verkehr wohlthätig wirkt. Auch der Klerus hat seine höchste Mißbilligung solchen antichristlichen Benehmens öffentlich ausgesprochen. Der ungarische Minister Szemere erließ eine scharfe Ordre „an die Gemeinde Preßburg", wonach sie unter den Kommissär Tarnoczy (aus Neutra) gestellt, und die Untersuchung bis dahineingeleitet wird, ob nicht Grund vorhanden sei, die Nationalgarde aufzulösen. Das Zivilgericht wie die Bürgermiliz haben sich schmachvoll benommen. Bei dem Bäckermeister Hacker fand man gestohlene Maaren in den Mehlsacken verborgen. Die städtischen Trabanten stahlen wie alle anderen, und als es später weggenommen werden sollte, war der Pöbel erbittert, daß man ihm den „versprochenen" Raub nun nicht lasse. Alles ist empört über das Vorgefallene. Heute wurden zwei Preßburger aus Stierböks Kaffeehaus hinausgeworfen, und als Einer in der Straße erkannt wurde, haranguirten Bürger gegen ihn als Aufwiegler. Man will hier Ruhe, um der Entwickelung ohne Gefahr sich zu widmen; man will eine friedliche, keine Guillotinen-Revolution. Es ist der milde Zug, der vom gütigen Kaiser bis zum untersten Diener alle Schichten der wiener Gesellschaft beseelt, so weit es eben Wiener und. nicht Fremde sind. Einem Privatbriefe aus Preßburg entnehmen wir, daß der durch den Tumult daselbst angerichtete Schade sich nach gerichtlicher Schätzung auf 600,000 fl. K. M. herausstelle. Die Urheber, darunter mehre sehr Vermögende, sind zum Schadenersatz und Gefängniß verurtheilt worden. Wien, 30. April. Nach zwei Orten sind alle Augen gewendet, nach Preßburg und Krakau. Die Indignation, ja die Verachtung, welche die Bewohner der ungarischen Krönungsstadt trifft, erhalt durch die täglich neu auftauchenden Daten immer mehr Grund; sie haben sich seit Jahren in schmählicher Weise benommen und die Gerichte nährten die Meinung, daß man ungestraft seinen Muthwillen an den Wehrlosen ausüben dürfen durch ein ebenso gesetzwidriges als inhumanes Benehmen. Die in aller Strenge geführte Untersuchung erweist bereits, daß die Bürger den Pöbel aufhetzten, bestachen und den Raub verbargen. Ein .Tuchhändler Köttritsch und sein Subjekt Benesch, dann ein Bandelkcamerkommis haranguirten die Masse, Letzterer wollte eine Frau von 4 Kindern aus dem dritten Stock zum Fenster herabwerfen, und nur der Schutz einer - Edelfrau und der Goldschmiedsfrau Scala rettete sie vom Tode. Mit vandalischer Wuth wurde das Schulgebäude durch mehre Stunden zerstört, wobei die Bürger unten ruhig zusahen, und bei jedem herabgeworfenen Möbelstück lachten. Welche Entrüstung darüber hier in allen Burgerklassen herrscht, zeigte sich dieser Tage, indem zw.ei Preßburger, die man erkannte, aus dem Kaffeehause geworfen wurden; ja die Kaufleute wollen ihre Verbindung/mit diesen-ehrlosen Menschen abschneiden, ja von den zahlreichen Reisenden wurde bei der Dampfschifffahrt der Antrag gestellt, die Schiffe nicht mehr in Preßburg landen zu lassen. Heute erließ der hiesige Fürsterzbischof eine Veröffentlichung: So denkt und. wirkt ein wahrer Christ und Kirchenfücst! Mit scharfen Worten spricht der erhabene Prälat seinen Abscheu aus über das Vorgefallene, welches die christliche Liebe und die heilige Kirche schändet. — Leider aber scheinen die edelsten Gesinnungen und Worte an dem Egoismus und an der Plünderungslust des Plebs zu scheitern: Man täusche sich nicht über Grund und Zweck dieser Szenen. Es ist kein Religionshaß und keine kirchliche Intoleranz. Nicht daß das Volk hinlänglich gebildet wäre, um solchen mittelalterlichen Fanatismus im Rücken zu haben; aber es kümmert sich vielmehr um Brot, als um spirituelle Dinge. Es ist der Andrang des Proletariats gegen das Besitzthum; es ist derselbe Beweggrund, der die Plünderung der Klöster herbeiführt, denn der Kampf gegen einige unwürdige Geistliche, oder einzelne mißliebige Orden wird mit anderen Waffen geführt; es ist dieselbe Agitation, welche gegen die Fabriksmaschienen sich richtet. Nur die Verblendeten sehen nicht, daß, wenn die Tandelmarktsbuden ausgeraubt sind, es dann über die bürgerlichen Gewölber geht, und die Furie', einmal losgelassen, allen Besitzern den rothen Hahn auf's Dach steckt. Hier hat man dies in den Märztagen wol erfahren, und mit - aller Schärfe geißelt man daher das perfide elende Benehmen der Preßburger. Sollte hier an einem oder dem andern Orte ein ähnlicher Kravatt stattsinden, wie es bei den

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