Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 20 (8.5.1848)
- Date
- 1848-05-08
- Page
- Seite 290 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Schier. .Viel gemeines Raubgesindel wurde.zusammengeritten und erschossen.— Die Nationalgarde benahm sich anfangs gut, so lang es keine Gefahr galt, hernach als diese da war,, riefen sie, wir lassen uns nicht für die Juden todtschlagen. Sie wurden auch vom'Gesindel gehänselt und Judenbeschützer genannt. Die Nacht verging unter Flintengeknall, Geächze und fürchterlichem Geschrei. Sie zertrümmerten zuletzt alle Aushangschilder und warfen sie in die Fenster. Beim Keller im Palfygarten zerschlugen sie Fässer, in denen mehre 100 Eimer Branntwein enthalten waren, besoffen sich und ließen dasMebrige verrinnen. — Dienstag früh bot sich das schaudererregenste Bild dar. Das tedescoische Stiftungsgebäude ist eine Ruine!!! das Dach demolirt, Bänke, Defen, Lhüren, Alles zerschmettert und zerbrochen. Ein grauenhafter Anblick. 'Sie zerrissen die heilige Schrift, die Portraits des Kaiser Franz rc. rc. — Nachdem dieses geschehen, gingen sie auf die Gewölbe los, die außerhalb des Gitters sowol oben als am untern Ende des Ghetto sich befanden. Sie wurden förmlich geplündert, die Maaren zerrissen, gestohlen, zertreten, verworfen. Es -sind über 20 Gewölbe förmlich ausgeplündert worden und die Eigenthümer Bettelleute. Es war eine grauenhatte Wuih, mit welcher gewüthet wurde. Mit einem Haß, mit einer Kräfte die nicht weiß, was sie will. — Sie, zerstückelten Alles, was sich vorfand. - Das Militär fand sich spärlich ein und wurde mit Steinwürfen begrüßt, und zog auf Gebot des Pöbels ab und kam, nachdem Alles vorüber, wieder. Der katholische. Prediger Heiler und nochmehre Geistliche kamen und wollten das Volk beschwichtigen; es nützte Nichts. Die Bürger blieben zu Hause, und der Pöbel wirthschaftet gränzenslos, noch jetzt wüthet er fürchterlich.. Nachschrift. Es. war keine Judenverfolgung, es war ein schamloses Plündern, Stehlen und Hehlen, da der Pöbel ahnte, er könne es ungestraft thun. Es war eine Anstiftung, die viele Anführer zählte, und zwar zur Schmach sei es gesagt, bürgerliche Anführer, die dem Pöbel Geld versprachen. Der Lehrer der israelitischen Bewahranstalt mußte sich im Kamin versteckt halten; das zweistöckige Schulgebäude wurde abgedacht, die Möbel zertrümmert, die Kassa erbrochen, die Papiere vernichtet ober gestohlen. Das neue Leichenhaus (hört!) wurde zerstört, ein darin befindlicher Lodter geschändet (!!), gekreuzigt (!!!) und verstimmelt. In einem Weinkeller, wurden 2000 Eimer ausgeleert. r- Immer nach vollbrachter Lhat kamen erst die Herren Bürger, und stellten sich als Wache auf; aber wol mehr, weil sie fürchteten , der Pöbel komme nun auch über die Stadt. Auf die Bäcker war es schon gemünzt. Jetzt halten sie Haussuchung, um das Gestohlene zu entdecken. Das Erbärmlichste und Lächerlichste sind die Proklamationen des Magistrats. Die Eine beginnt: Da verschiedene Maaren in Verlust gerathen sind rc. — Lodte sollen 15, Verwundete 60 sein; es kam mehr im Spiritussaufen als durch Waffen zu Schaden. ~ Die Bürgehen beschämt herum; sie fühlen es jetzt, daß sie des Wortes „Bürger" unwürdig sind. Rußland. Cherson (am Dnepr), 21. März. (Privatmitth. Wir geben unsrer frühem Erklärung gemäß, diesen russischen Bericht wortgetreu. Redakt.) Es ist bereits allgemein bekannt, wie sehr die russische Regierung die Kultur, hauptsächlich die der Israeliten befördert. Ein Edikt, das schon lange ergangen ist, befiehlt uns für die Errichtung von Lehranstalten zu sorgen, und haben wir uns Solcher bis nun noch nicht zu erfreuen, so müssen wir es dem Orthodoxismus der Juden zuschreiben, der in jeder Neuerung den Verfall seiner Sitten, seines Glaubens, ja gar des ganzen Judaismus, voraussieht, und jede Lehre, jeden Lehrgegenstand als eine den mosaischen Gesetzen widersprechende Einführung, betrachtet. Wie Manche unsrer Jugend unterliegen nicht dieser Grundregel des Aberglaubens! Wie manche Fähigkeiten gehen nicht zu Grunde, weil sie unsere Väter vorsätzlich unterdrücken, damit sie durch , die Entwickelung derselben keiner Neuerung den Eingang in ihr vermeintes Heiligthum gestatten, und auf daß ihre Gesetze sich nicht etwa nach dem Geiste der Zeit modisiziren! Heil dem der ihrem Prüfungsblick. entwischt! Ist ihm die Weisheit theurer als seine Freiheitverhüllt er sich in die Maske der Frömmigkeit und Heuchelei, da kann es ihm wol gelingen Etwas zu lernen und seine Begierde nach Wissenschaften zu befriedigen.— Allein welche Gefahr laufen wir nicht, indem wir uns die Heuchelei zur Begleiterin auf dem schönen Pfad der Kultur bestimmen! Und ist nicht vielleicht diese