Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 18 (24.4.1848)
- Date
- 1848-04-24
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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gen, andern Thülswas für Ansprüche auf ein besseres Lebensverhattniß sie hätten. Ich sage „zu sehr", weil an eine allmälige Heilung, an eine fortschreitende Besserung nicht mehr gedacht wird, sondern das Verlangen auf eine sofortige Umkehr aller, gesellschaftlichen Verhältnisse gestellt wird, was den Reichen arm, aber den Armen'nicht reich, was den Besitzenden besitzlos, aber den Besitzlosen nicht besitzend machen muß. Die provisorische Regierung weiß nun, daß ihre Existenz namentlich auf - den arbeitenden Klassen beruht, und will um jedon Preis diesen ein Genüge schaffen; in ihr sitzen Männer, wie Louis Blanc, die den Kopf voll Theorieen haben, die daher den Arbeitern Versprechungen gemacht, welche gar nicht zu erfüllen sind, die mit der Gesellschaft experimentiren auf die gefährlichste Weise, und einstweilen die Geldkräfte des Staates gänzlich und nutzlos verzehren. Frankreich, diese von der vorigen Regierung ausgepreßte Zitrone, wird seiner letzten Tropfen beraubt, ohne daß diese mehr als für Augenblicke den Mund des vielköpfigen Ungeheuers füllen. Wie dies daher enden soll, kann der Verstand keines Verständigen absehen. — Nebenbei ist nun ein ungeheures Klubwesen im Gange. Hier ist es nun, wo die hiesigen Juden auch ihren Antheil genommen. Es hat sich auch ein jüdischer Klub gebildet, wo die Fragen, welche. die Juden betreffen, diskutirt werden. Dieser Klub hat bis jetzt die Heruntersetzung des Preises des Koscherfleisches und der Osterfladen bewirkt. Ob auch Verbesserungen des Gottesdienstes daraus hervorgehen werden, ist fraglich. Die Frage über die zukünftige Stellung der Kulte zum Staate ist natürlich, eine solche,! deren Lösung noch wenig zur Sprache gekommen. Einstweilen ist sie im statu quo, und muß abgewartet werden. Literarische Nachrichte«. Magdeburg» 10. April. Die Vorlesungen, die der Redakteur dieser Zeitung im vorigen Winter gehalten, und welche die Ahnung so vieles dessen ausgesprochen, was in den jüngsten Monaten vor sich gegangen, sind erschienen unter dem Titel: „Die Religion der Gesellschaft und dieEntwickelung derMenfchheit zu ihr, dargestellt in zehn Vorlesungen von vr. Ludwig Philippson. Leipzig, 1848. Das Prinzip dieser Vorlesungen geht freilich! 'noch weit über das, die Gegenwart Beherrschende hinaus; aber die' Löhsüng'der Fragen ist doch darin angestrebt auf eine Weise, deren praktische Ausführbarkeit dadurch'erwiesen ist-daß die jüngste Zeit schon Manches davon zu Tatze gefördert hat. Nach früherm Brauche geben wir hier das' Vorwort, welches so lautet: 'J-1* „Die Vorlesungen, welche ich hiermit dem Psihlifum übergebe, lehnen sich an die im vorigen Jahre gehaltenen und veröffentlichten: „Die Entwickelung der .religiösen Idee im Judenthume, Christenthume und Islam" (Leipzig, Baumgärtnec, 1847.) Sie sind die Ausführung dessen, was. in jenen angedeutet worden, daß.die Religion zu den einfachen Prinzipien zurückführen , muß „- welche allem Menschenthum zu Grunde liegen. . Die vorliegenden Vorträge suchten diese von der Religion gegebenen Prinzipien der Gesellschaft, aufzustellen, von ihnen aus-die bisherige Entwickelung der .Gesellschaft zu beurtheilen und deren Grundgedanken sichtlich zu machen, um dann die Wege anzudeutendie von hier aus beschritten werden dürfteru - .; ,;.i Ist es schon das allgemeine Gefühl der Jetztzeit, daß . die Religion in der bisherigen Begrenzung ihrer Wirksamkeit nicht mehr genüge, ist daher gerade auf dem .Gebiete der Religion ein Suchen eingetreten/ das so lange nur befriedigt, als es ein Suchen ist, jeden ■ Fund aber alsbald für klein ansieht, weil er schon lange vorhanden: so kann die Erhebung, die Erweiterung derRelkgion .über die ganze Gesellschaftlichkeit allein die Religion ihrer Beschränkung ledig machen und ihrden Beruf ihrer Zukunft eröffnen. Die Bedeutung der Religidn ist vielfach zur hohlen Phrase geworden, und wird-andrerseits entweder mit völliger Gle.ichgiltigkett, oder gar mit zweischneidigem Spotte zurückgewiesen: so, mußsie durch die Uebernahme eines neuen Amtes, durch/Eröffnung neuer Schätze, die in ihrem unerschöpften Schooße geruht, aber mit eiserner Thür verschlossen waren, erweisen/daß ihres Werkes in der Menschenwelt kein End/ Die Menschheit will nicht mehr bloß, getröstet,' sie will geheilt werden; die Schäden sollen nicht mehr blos gekühlt, sondern geschloffen werden. Die Religion ist lange genüg blos als Tröster umhergegangen, der nur einen - linden Hauch der Beruhigung dem Fieberkranken züfachelte, aber weder der verzehrenden Glut, noch dem vernichtenden Schlage, noch dem — Tode wehrte: trete sie nun ein 'als Arzt und 18*