Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-04-24 · Heft 18 (24.4.1848) · p. Seite 263

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 18 (24.4.1848)
Date
1848-04-24
Page
Seite 263 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225570--09347-3237600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

263 geist, die Büreaukratie und die politischen Scheidewände zwischen den Religionen. Dies ist der seit 18 Jahrhunderten erwartete Messias. Der Ruf nach voller Gleichstellung allerMenschen widerhallt in ganz Europa, dieser bringt uns die verheißene, ersehnte Erlösung. Mein der Sturm, der alle wurmstichigen Früchte von den Bäumen des Erkenntnisses und der Aufklärung abschütteln soll, wühlte auch den verpesteten Staub der veralteten Vorurtheile und des Aberglaubens auf, denn jede Opposition ruft Reaktion hervor, und darum bedarf's Muth und entschlossenes Zusammenhalten dem letzten Aufgebote des seinem Grabe nahen Feindes Widerstand zu leisten. Seine Stunden sind gezahlt, er sinkt dahin, um nie mehr aufzustehen. Vier Mal wurde auf unsrem Reichstage um die Emanzipation unsrer Glaubensgenossen gekämpft, drei Mal sind wir unterlegen, und dennoch ist unser Sieg gewiß. Gegen Ende Februars tauchte unsre Frage zum ersten Make auf, allein damals konnte nichts Gedeihliches erwartet werden, denn das angebetete Haupt der Fortschrittspartei, unser ruhmgekrönter Kossuth war, von einem verblendeten hochgestellten Israeliten, vom 1. Vorsteher nämlich der Hauptstadt des Landes, irre geleitet, er trug auf die gleisnerischen Vorstellungen des Letztem hin, nur auf eine theilw eise Emanzipation an, es fehlte ihm die innere Begeisterung, womit er immer sein Auditorium hinreißt, er hatte einen falschen Satz zu vertheidigen, und so reüssirte er nicht. Inzwischen stieg vom Himmel in den Märztagen der Geist der Freiheit herunter, und, auch unsre Erlösungsstunde hatte geschlagen. Der gesetzgebende Körper hielt es für nicht mehr nöthig, über eine Idee sich zu berathen, die in den Grundwerten seines Glaubens so klar ausgesprochen ist. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist dieDevise, welche die Emanzipation schon in sich involvirt. In den Beschlüssen des reformirten Wahlgesetzes hieß es daher, daß jeder ohne Unterschied des Glaubens, sowol aktiv als passiv wahlfähig sei. Die Nachteulen, die so viel Licht nicht auf einmal ertragen konnten, hoben nun ein Zetergeschrei an, der Dämon der Intoleranz erhob sein Haupt, und ein dadurch hervor gerufener Krawall in Preßburg, bewog die Gesetzgeber gradatim das zu geben, was das unreife Volk noch nicht vermag auf einmal zu vertragen. Dies war der erste Rückzug der Reformpartei, indem sie ihrem Wahlakte die Interpretation beifügten, es seien nur die rezipirten Religionen wahlfähig. Allein der Blitz hatte eingeschlagen, die Bösewichte sahen ein, daß es mit ihren Privilegien und Zünften aus sei, und daß die volle Gleichstellung der Juden nur vertagt, aber nicht lange mehr zurückgehalten werden kann, da brechen sie mit alled Wuth los. Sie berechneten weislich, was sie nicht Böses jetzt anstiften, könnte ihnen später nicht mehr gelingen, und so leider haben die Juden vieler Gemeinden große Verfolgungen, mitunter Ausschaffungen zu erdulden gehabt. Trösten wir uns damit: es ist das letzte Aufglimmen eines verlöschenden Lichtes, denn von Seiten des Ministeriums wird Alles aufgeboten, die Ruhe und Gesetzlichkeit wieder herzuftellen. Schmach und Schande aber dem Feigen, der nicht den Muth hat, die kurze Zeit mehr auszuhalten, denn Freund und Feind sieht ein, daß nur jetzt dem Volke nachgegeben wurde, weil man es vis ä vis der Regierung noch braucht, und daß auf Kosten des Rechts und gesunden Verstandes eine Konzession der Leidenschaft gemacht wurde, um Einigkeit zu erhalten, bis das neue Negierungssystem Wurzel gefaßt und dem Pöbel Trotz geboten werden kann. Verachtungswerth ist daher derjenige, der nicht Ausdauer für diese kurze Spanne Zeit hat. Und wer war der erste Abtrünnige? Herr I. Kunewalder, erster Vorsteher der Hauptstadt des Landes, folglich gleichsam das Haupt von 300,000 Seelen, derselbe, welcher noch vor wenigen Tagen mit Aufrufe an seine Nation haranguirte, derselbe, dem die Pflicht oblag, das ihm anvertraute Amt redlich zu verwalten und sein Mögliches beizutragen, das nicht ferne stehende Ziel recht bald zu erlangen. Gehen wir ab vom religiösen Standpunkte, und sagen wir: ein Jeder habe Gott und seinem Gewissen, nicht aber seinem Nebenmenschen über so einen Schritt Rechenschaft zu geben, beurtheilen wir diesen Renegaten von der sozialen Seite, so können wir ihn nicht anders als verworfen bezeichnen. In so entscheidendem Momente, während 1000 seiner Brüder verfolgt, auf ihn ihre Älicke richten; in Zeiten des Drangsales, wo nur die höher Stehenden für ihre armen ’ Glaubensgenossen vermittelnd auftreten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.