Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 17 (17.4.1848)
- Date
- 1848-04-17
- Page
- Seite 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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247 russischen Polen ist noch Alles in Grabesruhe. Aber in Posen? Hier ist das deutsche Element so bedeutend, über ein Drittheil der Gesammtheit, daß es deutsch bleiben will, daß es in Polen nicht aufgehen will. Nehmen wir hinzu, daß der Deutsche sich immerhin als der bis jetzt Herrschende, der Pole als der Beherrschte ansehen mußte, daß der Pole nicht vergessen konnte, daß der Deutsche an seinem Sturze denselben Antheil gehabt, wie der Russe, daß auch der Deutsche sich erinnern mußte, auf welche Weise er hier herrschend geworden — und man wird es begreifen, daß zwischen dem Deutschen und Polen in dieser Provinz eine Aussöhnung, eine Vereinigung zur Wiederherstellung Polens nicht ftattsinden konnte: es hätte vom Deutschen eine Selbstverleugnung, ein Selbstaufgeben verlangt, die bei einer halben Million nur ein Träumer voraussetzen konnte. Hierzu kam noch, daß bei den Polen selbst eine völlige Einheit nicht gefunden werden Konnte. Die Führer mußten die Standesunterschiede aufheben, und sich dadurch viele Adlige entfremden; der polnische Bauer selbst soll häufig die Wiederherstellung Polens nicht wünschen — also auch da noch viele Schwierigkeiten. Stellten sich demnach die Deutschen der Provinz der polnischen Schilderhebung entgegen — so konnte es auch nicht fraglich sein, welcher Seite sich die Juden der Provinz zuwenden würden: der deutschen; und wenn die Zahl der Juden auch nicht so groß, um ein volles Gewicht in die Wageschale zu legen: so kann man doch ihre Wichtigkeit bei der großen Regsamkeit der Juden nicht verleugnen. Hierin gab nun das Auftreten der Polen den Ausschlag. Sie traten energisch auf, setzten die bestehenden Autoritäten wie nicht vorhanden voraus, wollten sofort ein Heer organistren, zu welchem sie sammtliche Einwohner bis zum 50sten Jahre requirirten, und an einigen Plätzen kamen — wider Willen der polnischen Führer — Unruhen und Gewaltthätigkeiten vor: so mußte der Widerstand der Deutschen und Juden, theils aus Thatsachen, theils aus weiteren Befürchtungen, fertig sein. Traurig, bedauernswerth, aber in der Natur der Dinge liegend! Wie gesagt, in solchen verworrenen Verhältnissen verscheucht, noch dazu bei der Masse, die dürre Wirklichkeit alle Wünsche und Träume, und es ist dann nur ein Schritt zur gegenseitigen Ungerechtigkeit, zu Haß und Verfolgung. Von diesem Standpunkte aus können uns daher weder die Berichte, noch die Uctheile verwundern, welche jetzt die öffentlichen Blatter füllen. Je nachdem die Abfasser vom deutschen oder vom polnischen Gesichtspunkte ausgehen, werden sie die eine oder die andre Partei angreifen und beschimpfen. Alle stimmen darin überein, die Deutschen und Juden als auf einer Seite zu schildern. Die Folgen können nur traurig sein. Schwächt sich so die Grenzmarke Deutschlands durch sich selbst, welches wäre ihre Schicksal im Fall eines russischen Einfalls? Und wartet der Russe nur auf den innnern Krieg? Und wie kann es bei blutigen Reibungen anders sein, als daß die Anzahl der einen oder andern Partei an den verschiedenen Orten ein verschiedenes Resultat bewirken wird, dann aber alle Theile der Provinz gräßlich verheert werden? Und da nun einmal die Volkswuth aufgestachelt ist, und Feindseligkeit und Befürchtung die Herzen füllen, da helfen freilich alle Ansprachen und Versprechungen der Komite's nicht — der Sturm ist los! Zeitungsnachrichten. Deutschland. Magdeburg, 7.April. Der zu Berlin versammelte Landtag hat den §. 5 der königl. Proposition : „Die Ausübung staatsbürgerlicher Rechte ist sortan von dem religiösen Glaubensbekenntnisse unabhängig" — auf den Vorschlag der Abtheilung mit überwiegender Majorität angenommen. Somit ist die Gleichstellung der Juden in Preußen entschieden. Es ist doch eine eigene That der göttlichen Lenkung, daß noch derselbe Landtag, der im vorigen Jahre den Juden mit 319 gegen 158 Stimmen den Eintritt in den Landtag abgesprochen hat, jetzt mit überwiegender Majorität ihn annehmen mußte; daß derselbe Landtag, zu dem der Minister Eichhorn sprach: er solle bedenken, welchen Eindruck es beim Volke machen würde, wenn der erste Landtag Preußens ausgesprochen, daß es ihm Nichts darauf ankomme, ob seine Mitglieder christlich seien oder nicht — durch dasselbe Volk genöthigt war, dies auszusprechen, oder vielmehr daß ihm der Mensch und Bürger höher stehe, als die Eigenschaft eines Glaubensgenossen; daß derselbe Landtag, der ein dickes Buch (460 Seiten Petit) voll über die Stellung der Juden diskutirte, die Gleichstellung ohne Diskussion in 10 Minuten und anderthalb Zeilen dekretirte; daß derselbe Landtag, der in seiner „Herren-Kurie" für