Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 17 (17.4.1848)
- Date
- 1848-04-17
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
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246 für Deutschland in Franfurt am Main das Wahlrecht und die Wählbarkeit aller deutschen Juden anerkannt hat, und daß nur die Frage, ist, ob ihr die einzelnen deutschen Staaten Folge leisten werden? Diese Frage liegt um so näher, da der Ort dieses Parlaments, Frankfurt am Main, selbst die Israeliten noch ausgeschloffen hält, und der Senat sich neuerdings dagegen ausgesprochen. Wir sind also in Deutschland immer noch erst halben Weges. Wir unterschieden oben zwischen der Anerkennung des Prinzips und der lokalen Stimmung. Dies wird der Schlüssel zur Lösung des Räthsels sein, daß neben den unzähligen, aus den verschiedenen Schichten des deutschen Volkes hervocgegangenen Petitionen um Gleichstellung der Juden, neben dem Andringen der Revolution auf diese Gleichstellung, neben der Anerkennung und schon theilweisen gesetzlichen Verwirklichung derselben — an so vielen Orten Mißhandlungen und Plünderungen der Juden stattfanden, und diese in Ungarn so bedeutend wurden, daß der Reichstag selbst die Verwirklichung zu suspendiren sich genöthigt sah. Vom Elsaß ausgegangen, eilte dieses Fieber durch das badische Oberland, Schwaben und Franken, spukte in einigen Orten Westphalens, um in Ungarn zur Höhe sich zu steigern. In jenen deutschen Gegenden ist es offenbar aus der untersten Volksschicht hecvorgegangen, vereinigte sich mit dem Haß gegen Adlige und Beamte und ist vollständig erklärlich, wenn wir erkennen, daß die Juden hier nirgends zu den besitzlosen Klaffen gehören — nicht daß es nicht zahllose Juden gebe, die ebenfalls besitzlos sind, aber daß selbst diese von den gewöhnlichen Beschäftigungen der Besitzlosen, also auch von ihren Kreisen fern stehen. Da nun die Besitzlosen nicht, wie sie wol gewollt, gegen die Besitzenden überhaupt losbrechen konnten, suchten sie sich die, noch immer ausnahmsweise dastehenden und mindest beschützten Juden aus. Hiermit ist die Sache erklärt. Anders scheint es uns, so weit wir es aus der Ferne zu beurtheilen vermögen, in Ungarn sich zu verhalten. Hier ist es auch in den mittleren Klaffen, hier namentlich in den deutschen Bürgerklassen begründet, und muß dem allgemeinen Iudenhasse, dem allgemeinen Verlangen, sie noch in der Ausschließung zu erhalten, zugeschrieben werden. Hier wird es daher noch einer längern Zeit bedürfen, um die Massen mit der Gleichstellung der Juden zu versöhnen, vertraut zu machen. Da die Bürgschaft feierlich gegeben ist, so wollen wir hoffen, daß dieses Ziel nicht zu weit hinausgerückt sei!' Für die Juden im Allgemeinen mußten natürlich diese Ereignisse die oft gemachte Erfahrung erneuen, daß keine Freude uns ungetrübt verbleiben könne. Das Großherzogthum Posen. Posen ist die von Juden zahlreichst bewohnte Provinz Preußens; in 22 Kreisen machen sie */i5, in 3 Kreisen Y20, in 1 Kreise (Posen) */io der ganzen Bevölkerung aus. Nach der Zählung vom Dezember 1843 lebten in der Provinz 80,000 Juden neben 790,000 Polen und 420,000 Deutschen. In manchen Orten der Provinz wohnen sogar mehr Juden als Deutsche und Polen zusammen, so (1843) in Fordon 1378 Juden und 688 Christen, in Wittkowo 1128 Juden und 1026 Christen, in Rogowo 314 Juden und 157 Christen, in Kempen 3528 Juden und 2712 Christen. Nicht zu verwundern ist es daher, daß in diesem Augenblick die Verhältnisse Aller die verworrensten sind, und unsern Blick ganz besonders fesseln. Die Polen wollen ein neues polnisches Reich gründen, die Deutschen bei Deutschland und Preußen bleiben, die Juden sind ihrer Natur nach deutsch, da sie sammtlich deutsch sprechen und was an Bildung unter ihnen ist — und sie sind in den letzten Dezennien weiter fortgeschritten, als man es in der Regel meint — ist deutsch, und ihrer Stellung nach muß ihnen das Deutschland und Preußen, welches soeben jede Beschränkung aufhebt, lieber sein, als das erst zu erkämpfende Polen, von dem sie erst erwarten müßten. Die Sympathieen aller Fühlenden sind fü c die Wi'edererstehung Polens. Ja, auch die allgemeine Politik wird dieselbe rechtfertigen, um eine starke Vorhut gegen Rußland zu gewinnen. Wenden wir den Blick auf die unter russischem Zepter lebenden Juden, so muß es unser heißester Wunsch sein, daß sie vom russischen Joche befreit werden. Aber alle Sympathieen des Herzens und alle Berechnungen der Politik schwinden — vor der eisernen Wirklichkeit. In Galizien fraternisirenPolen, Juden und Deutsche; das-deutsche Element ist dort so unbedeutend, daß es nur sich zu sichern braucht vor Angriffen, aber in das freie Polen aufzugehen sich entschließen muß. Im