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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-04-03 · Heft 15 (3.4.1848) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 15 (3.4.1848)
Date
1848-04-03
Page
Seite 224 (sequence 6)
Language
German
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224 Man hat schon lqngst die Ueberzeugung gewonnen, daß die mittelalterlichen Schranken, welche als materielle und als geistige Hindernisse unserm Wirken entgegentraten, nur dadurch zu fallen begannen, daß das Genie, daß das . Talent sich seine Bahn durch die Welt gebrochen, ohne sich von dem Versucher jenes Palladium entreißen zu lassen, das in Stunden der Gefahr uns schützend und schirmend entgegentritt, das in Stunden der Wehmuth unfern Leidenspfad mit trostreichen Blumen bestreut, und das in Stunden der Begeisterung diese mit Enthusiasmus erhöht — ohne den Glauben seiner Väter zu verlassen. Das Sichgeltendmachen unserer heimischen Talente*) gepaart mit dem Verharren in seiner Glaubenstreue hat gewiß dazu beigetragen, daß in unserm Vaterlande unter Oesterreichs glorreichem Szepter so manches Stück Mittelalter zu Grabe getragen wurde, an dem der Engel der Auferstehung gewiß ruhig vorübergehen wird. Man könnte die Koryphäen so mancher Kunst und Wissenschaft, deren Wiege in Böhmen gestanden und die jetzt in Berlin, in Leipzig u. s. w. sich ihres oft weit über Deutschlands Gauen hinausreichenden Ruhmes erfreuen, anklagen, daß sie durch ihre Apostasie an die vom Sinai gekommene Moseslehre, wozu sie eher aus Schwäche als aus Ueberzeugung gelangt — daß sie durch ihre Apostasie die Abschaffung so vieler mittelalterlicher Gebrechen auf so lange Zeit verzögert. Doch äe praeteritis nil nisi bene — und so danken wir denn Gott und unsrer Regierung, daß. die Judensteuer, daß die die Haare sträubende Eidesformel abgeschafft wurden. Würdig an diese Segnungen würde sich auch die Aufhebung der sogenannten Familienstellen anreihen. Es ist eine, bekannte Sache, daß vor langer Zeit bestimmt wurde so und so viel jüdische Familien dürfen in Böhmen existiren, und damit diese Anzahl nicht *) Man könnte hier ein langes Verzeichniß anerkannter Zelebritäten anführen, die unserm Vaterlande angehören, und von denen so Mancher sich eines europäischen Rufes erfreuet. Ohne sonst Jemand zurücksetzen zu wollen werden beispielsweise erwähnt: der Maler Pollak, jetzt in Rom; der Pianist Schulhof, den die Königin von Spanien so ausgezeichnet; die Dichter vr. Ludwig August Frankel, Moritz Hartmann, vr. Siegfried Köpper, dessen böhmische Muse verdeutschen nicht nachstehl; Kuranda, Redakteur der Grenzboten; Neustadt, Redakteur der Preßburger Zeitung und der Panonia; der Mnemotechniker Pick u. s. f. .vermehrt werde, wurde nur dem erstgebornen Sohne eines jüdischen Familienvaters — vorausgesetzt, daß sein Großvater bereits verstorben — die Verehelichung bewilligt; zweit- und drittgeborene Söhne u. s. w. mußten dem Zölibate gehorchen, oder in dem die Religion und die Menschheit entwürdigenden Konkubinate leben. Kaum aus diesen Rücksichten, eher um agronomische, industrielle und sonst künstlerische Zwecke zu fördern, wurde dann das Eingehen in die Ehe auch denjenigen bewilligt, welche sich legal ausweisen konnten, daß sie die Dekonomie, ein Handwerk oder eine Kunst als selbstständige Meister durch drei Jahre betrieben. Wer aber einen Ausweis über solche Fähigkeiten in früherer Zeit sich nicht verschaffen konnte, oder jetzt nicht wirklich ein Gewerbe betreibt (und es gab und giebt noch viele Zweit- und Dritt- und Viertgeborene, die dem Handelsstande angehören, der muß noch immer und immer, wenn er genug moralische Festigkeit besitzt, dem Zölibate angehören, wo nicht, lebt er so lange im Konkubinate, bis irgend ein kinderloser Familiant gestorben, und es ihm gelungen, sich dessen Familienrecht zu verschaffen. Aber mit welchen Chikanen hat er zu kämpfen, wie viel muß er per fas, und wie noch viel mehr muß er per nefas geben, zu welchen Machinationen muß er seine Zuflucht nehmen, ehe es ihm gelingt sich eine solche Familienstelle zu verschaffen. Da scheut sich oft der Bruder nicht den Bruder zu verleumden, um nur das Recht für sich zu erlangen; da wird auf der einen Seite gefeilscht und geschachert, und oft erhält die erledigte Stelle derjenige, der am Meisten geboten; aber was noch schlimmer ist, auf einer andern Seite wird so lange geklügelt und gegrübelt, bis man irgend einen Fleck, nicht immer in der Person, oft nur in der Familie gefunden, durch welchen der Verleiher oder der Helfershelfer des Verleihers einer Familienstelle sich rechtfertigen können, daß sie selbe an den unwürdigen B. und nicht an den würdigen A. vergeben haben. Man könnte über dergleichen Erlebnisse eine ziemlich große chronique scandaleuse schreiben, die aber aus Achtung für den Leser und für dies Blatt unterbleibt; bemerkt muß aber werden,, daß von solchen Umtrieben niemals in der Hauptstadt gehört wird, wo durch das dortige Gemeindevorsteheramt Jedem der sie bedarf eine Familienstelle ohne Umstände gegen fest bestimmte billige Taxen ertheilt wird; auch haben diese Blätter bereits im vorigen Jahre im Auszuge aus dem prager

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