Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 13 (20.3.1848)
- Date
- 1848-03-20
- Page
- Seite 195 (sequence 9)
- Language
- German
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195 von der Verschiedenheit der christlichen Glaubens- Parteien. Aber die Nicht-Christen (darunter versteht der Senat die ihm unterworfenen Jndostaner, Chinesen, Muhamedaner und so weiter, dann auch die Juden) gleich zu stellen, dies griffe zu tief in das Wesen des Staates, nämlich des frankfurter. Nun, es wird sich ja zeigen, wie weit das wirkliche Gefühl des Menschenrechtes bei den Deutschen gediehen ist, und ob man nicht die halbe Million Juden wieder im Stiche läßt, wenn nur die Deutsch-Katholiken und marburger Lichtfreunde und freien Gemeinden rc. emanzipirt sind. — Im baierschen Dorfe Mülmbach haben Zusammenrottungen gegen die Juden stattgefunden. Ebenso fanden Mißhandlungen in Mergentheim statt, so daß sich also dieser traurige Zustand bereits nach Württemberg und Baiern verbreitet hat. Uebrigens steht diese Unruhe mit Verfolgung der Adligen, mit Zehenten u. s. f. in Verbindung. Die Stadlbehörden von Halle haben eine Petition beschlossen, in der 5) „gleiche Berechtigung aller Staatsbürger ohne Unterschied des religiösen Glaubens" erwünscht wird. Jastrow, 28. Februar. (Privatmitth.) Es ist in neuerer Zeit schon öfter auf die zu frühe Beerdigung hingewiesen und der Nachweis geliefert worden, daß man z. B. von 1833—1846 in Frankreich allem*) 94 Scheintodte entdeckt hat. Wir glauben daher im Interesse der Sache zu handeln, wenn wir einen der Berliner Polizei- und Kriminalzeitung (No. 3 d. I.) entnommenen Aufsatz: „Ueber die Nothwendigkeit von Leichenhäusern" hier folgen lassen, und hoffen wir, daß Sie demselben, da er einen sehr wichtigen Gegenstand bespricht, die Spalten Ihres geschätzten Blattes öffnen werden. „Bewegter und bunter ist das Leben und Treiben auf der Erde, in ihren zivilisirten Theilen, wol nie gewesen als in der jetzigen Zeit. Die verschiedenartigsten Interessen des gesellschaftlichen Lebens, des menschlichen Geistes und Herzens sind Gegenstand allgemeiner Erörterung und reger Theilnahme geworden, und erleiden fortwährend theils bereits eingetretene Reformen, theils stellen sie Solche in Aussicht. Mögen nun die Hoffnungen, welche Tausende auf die nächste Zukunft bauen, in Erfüllung gehen oder nicht, es ist doch dadurch schon viel gewonnen, daß die bis dahin in dumpfer Regungslosigkeit erstarrte Masse zu Leben und Bewußtsein, und mit diesem zur Bewegung gelangt ist. Bereits zeigen sich erfreuliche Resultate dieser allgemeinen Erregtheit. Der Egoismus schmilzt an der Sonne des Gemeinstnns; die Bevorzugten des Schicksals erinnern sich ihrer armen Brüder, und man hat in keiner Zeit so viel, und, was die Hauptsache ist, mit so viel Liebe gegeben als in der jetzigen. Während so ein allgemeines Bestreben sichtbar ist, das Leben auf der Erde für alle ihr angehörenden Geschöpfe (man stiftet ja sogar auch Vereine gegen Tierquälerei), so erträglich als möglich zu machen, muß es dem denkenden Menschen befremdend sein, daß sich dieses Bestreben allein auf die Lebenden beschränkt. Sollten unsere Todten nicht noch heiligere Rechte auf unsere ganze Sorgfalt haben, als selbst die lebenden Mitmenschen? Ja, wir umgaben sie wol mit Liebe und Trauer bis zu dem schweren Augenblick, der sie für immer unseren Armen entreißt; wir schmücken sie, und das letzte Lager, auf das wir sie betten; wir freuen uns, wenn der Tod die Harmonie der geliebten Züge nicht zerstörte; wir schmücken endlich ihre Gräber mit Jmmortellenkränzen, und tragen die ewig unvergänglichen der Liebe über sie in unseren Herzen. Aber daran denken wir nicht, daß das Herz in dem Grabe, an dem wir weinend knieen und das wir längst gestorben wähnten, vielleicht erst in demselben Augenblick unter haarsträubenden Qualen bricht, während die Seele unter Lästerungen und Verwünschungen gegen Welt und Schöpfer, die irdische Hülle verläßt. Nur zu gewiß ist es, daß viele, viele Menschen der entsetzliche Fluch des Schicksals getroffen hat, lebendig begraben zu werden, obgleich nur wenige Fälle eines Unglücks bekannt werden konnten, welches die schweigende Erde bedeckt. Und wenn während der vielen Jahrtausende, welche die Welt über sich hinrollen sah, auch nur ein einziges Beispiel dieses Unglücks vorgekommen wäre, würde es nicht schon ein hinreichender Grund zur eifrigsten Sorge und Angst sein? O wer vermöchte sich nur noch einen Augenblick des Lebens zu erfreuen, so lange noch die Möglichkeit zu einem solchen Ende vorhanden ist! Soll das der Lohn sein für ein tugendhaftes, dem Wohl der Menschheit geweihtes Leben? Das der Schluß eines harmlos glücklichen Daseins, das hier beneidet und gepriesen, in Rosentagen der Freude da- 13* *) Vergl. A. Z. d. I. Jahrg. X. No. 10.