Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-03-13 · Heft 12 (13.3.1848) · p. Seite 182

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 12 (13.3.1848)
Date
1848-03-13
Page
Seite 182 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225564--09260-3237507
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

182 p»ich rechnen; aber Du bist nun mündig, und mußt ganz auf .eigenen/Füßen stehen lernen." „An die Stelle meines Freundes trat als Arbeiter ein anderer Pole ein, mit .dem ich mich bald zurecht fand; er zog bei mir ein. Kurze Zeit darauf erhielt ich die Nachricht vom Tode meines Vaters; meine jüngeren Geschwister, mit denen ich wenig gelebt hatte, hatten.sich zerstreut. So wußte ich mich ganz allein in der Welt." „Aber die, Jahre, die dahingegangen im Schweiße meines Angesichtes, hatten mein. Inneres beruhigt und ausgeglichen. Und stehe, gerade mit der Ruhe, mit der ernsten Sicherheit traten die alten Gestalten, traten die alten/Gedankenreihen wieder hervor. Polen, das unver-; geßliche Vaterland, sein Sturz, seine Zertrümmerung Lamen aus der Tiefe meiner Einbildungskraft, aus der Tiefe meines. Gefühles allmälig wieder zum Vorschein, durchdrangen die Rinde, die sich, um sie gelegt, und tönten .wie lange: Zeit vergessene Töne, wie Wiegenklänge .der .Kindheit wieder in mein Ohr. Man finde dies natürlich. Der/große Schmerz, , die herzzerreißende Trauer, die bittre Täuschung des Jünglingsherzens, der Verlust meines Bruders, der Verlust meiner Mutter, die Trennung vom Vater und Vaterlande —r alle$ dies hatte meinen Geist betäubt, hatte ihn niedergedonnert, und . mit diesen Schlägen waren alle meine Ideale zertrümmert. Aber der Friede, die Ruhe waren wiedergekehrt, leise Vergessenheit hatte ihren Mantel über meine Wunden gebreitet. Gerade darum mußte jetzt der unverwüstliche Inhalt meines Lebens wieder heraufzudringen Raum Haben und den Herrscherstuhl wieder aufschlagen indem, doch noch jugendlich elastischen Geiste. Ich sing wieder an, daran zu denken; wieder begann mein Herz zu klopfen bei dem Gedanken, sollte es nicht doch noch möglich sein? Das Erste war, daß ich mir die durchlebten Ereignisse zurecht zu legen suchte. Die verfehlte Revolution, fand lch, war der letzte Versuchtes polnischen Adels, und als Solcher mußte er nichtig sein, mußte er vergeblich fein und in sich sein Ende finden. Aber ist nicht das Volk noch da? Im Alterthum rottete man ein solches Volkaus, oder versetzte es vom Euphrat nach dem Indus, oder zerstreute es wie die Juden in alle Welt. In unsrer Zeit züchtigt man es, aber läßt es bestehen; sucht man es umzugestalten, aber wie weit gelingt dies? Nein, tas polnische Volk ist noch da, und aus diesem muß die Wiedergeburt Polens hervorgehen!... So räsonnirte ich, mehre, hundert Meilen vom Daterlande entfernt, und hielt es bald nicht für unmöglich, über die weite Ferne hinweg an seiner Wiedergeburt zu arbeiten. Jetzt segnete ich das Geschick, ,das mich fern von-den .Resten des polnischen Adels in Paris gehalten,- als Arbeiter. Ja, bald fand ich den Fall dev Revolution -nicht blos natürlich, sondern günstig und erfreulich/.' da> wenn -sie sich behauptet hätte, Polen doch nur neurtt, fürchterlichen inneren Kämpfen entgegengegangen' wäre..; „Es war natürlich, daß, nachdem ich mit. Meinem neuen Genossen vertrauter gewordenunser Gespräch sich bald darauf lenkte, und ich mit meinen Ansichten und Hoffnungen nicht hinter dem Berge hielt. Kunowski, so hieß mein Landsmann, hörte aufmerkfam'zu, und -als ich ausgesprochen, legte er seine Hand-auf meinen Arm, und sagte: ,-Du bist Einer von den Unseren! *..Hierauf machte er mich damit bekannt,;-wie im Schooße von Paris sich eine große polnische Verbrüderung gebildet, deren Grundlage eine demagogische sei, und darumden aristokratischen Vereinen der polnischen Adligen grgenüberstehe, und daß jene nichts Anderes beabsichtige, als. eine Schilderhebung des polnischen Volkes in den-Provinzen des ehemaligen ^Königreiches. Entfernt wie ich gelebt von den großen Kreisen der Welt, nur mit meinev Arbeit beschäftigt, hatte ich Nichts davon erfahren. Jetzt ergriff mich der Gedanke mit ganzer Kraft, und ichzeigte mich sofort bereit, in den Bund einzutretem /Zuvor sprach ich mit meinem Freunde davon, undzweifelte nicht, daß auch er daran Theil nehmen würde. Aber nein! Einen Augenblick schwieg er still. - Dann fuhr er ungestümer, als er gewöhnlich war, auf: „Was? Eine Verschwörung, eine Wühlerei von hier aus? Von hier, aus der Fremde will man Polen aufregen? Nehmt Euch in Acht, denn aus Thoren werdet Ihr Verbrecher! Schon ist der Adel Polens vernichtet, wollet Ihr unseren Feinden das Schwert in die Hand geben, um auch das Volk zu zermalmen? Wenn das Volk aufgestanden, -dann wird es rufen, dann müssen wir hin, alle seine Söhne — aber #it hier, fern, unbekannt mit Stimmung und Lage, mit Nichts im Volk wurzelnd, ihm nicht vertraut, nicht bekannt, von ihm nicht geliebt und geachtet, w iv wollen jene Länder in Aufruhr bringen? Das ist Wahnsinn; das könnte nur Verderben auf Eure, maßloses Unheil auf des Volkes Häupter bringen — nimmermehr!^- > „Die Rede meines Freundes -machte mich stutzige und da ich-ebenso wenig an seinem Patriotismus wie an seiner Einsicht in die Weltverhältniffe zweifeln-konnte, so blieb sie -nicht ohne Eindruck. „Franz," sagte er ru-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.