Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 11 (6.3.1848)
- Date
- 1848-03-06
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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163 führe dies als einen Beweis an, daß das Haus nicht im Rechte wäre, wenn es sagte: „Wir sind freisinnig, wir meinen es gut mit unseren jüdischen Mitbürgern, aber unter dem Volke herrscht gegen sie ein solches Vorurtheil, daß es nicht gerathen scheint, zu ihren Gunsten ein Gesetz zu geben." (Hört! Hört!) Ich warne die ehrenwerthen Mitglieder davor, auf eine solche Ansicht zu bauen; ich glaube, daß das Volk völlig so aufgeklärt ist, als die Mitglieder dieses Hauses, daß man überall die Meinung hegt, das religiöse Bekenntniß sei kein Grund zu einer politischen Beeinträchtigung, und man muffe die gegen die Juden gehegten Vorurtheile überwinden. Ich habe nun die Gründe auseinandergesetzt, um derentwillen mir die gegen die Zulassung der Juden erhobenen Einwürfe nichtssagend und verfehlt scheinen. Wenn man mich fragen sollte, was mich zur Einbringung meines Vorschlages bestimmt hat, so würde ich zuerst auf die Verfassung dieses Reiches Hinweisen, in deren Zwecke es liegt, einem jeden Bürger diejenige Anerkennung werden zu lassen, auf die er vermöge seines Charakters und seiner Talente Anspruch zu machen hat, auf die Verfassung, welche jeder Beschränkung feind ist und vor noch nicht langer Zeit eben jene Ausnahmefälle beseitigt hat, die unsere Vorfahren, um eine dem Staate und der Kirche drohende Gefahr abzuwenden, für nöthig erachteten. Ich fordere Sie auf im Namen dieser Verfassung, den letzten Ueberrest religiöser Verfolgung wegzuräumen und zu zeigen, daß es nicht erst des Einflusses der Furcht bedarf, um Sie zu einem Akte politischer Gerechtigkeit zu bewegen. Ich fordere Sie auf im Namen dieser Verfassung, den Juden alle die Privilegien, alle die Rechte zu geben, auf welche diejenigen, die sie genießen, mit Recht stolz sind. (Beifall.) Und lassen Sie mich hinzufügen, daß Sie nicht nach der geringen Anzahl derer, welche sich um einen Sitz im Parlamente oder um eine Stelle bei der Regierung bewerben werden, urtheilen mögen, wie die Gesammtheit ihre Ausschließung empfindet. Mancher, der nach Keinem von Beiden strebt, ist zufrieden, wenn er seine Tage in Dunkelheit hinbringt und sucht keine anderen Vortheile, als die das Privatleben bietet, aber er fühlt schmerzlich die Zurücksetzung und die Schmach, die auf ihm ruht, wenn er sieht, daß Männer aller religiösen Bekenntnisse, Anglikaner, Protestanten, Katholiken in diese Räume eintreten dürfen und Rechte genießen, während er zu einer Sekte gehört, die von Gesetz und Verfassung geachtet und herabgewürdigt wird. — Eine höhere Macht noch will ich anrufen; an die Grundsätze des Christenthums will ich mich wenden, die so lange in diesem Lande heimisch gewesen sind. Im Namen dieser Religion der Liebe und der Barmherzigkeit fordere ich darum von Ihnen: „Anderen zu thun, was Sie wollen, daß Ihnen geschehe." Und wenn wir uns von dem Gedanken durchdrungen fühlen, daß alle Menschen Brüder sind, so können wir Keinen von der menschlichen Gesellschaft ausschließen, mag er durch Stamm, Farbe oder geistige Eigenschaften noch so sehr von uns verschieden sein; sie gehören alle zu einer Familie, der menschlichen, und sollen sich lieben wie Brüder. Ich fordere Sie daher auf im Namen der Verfassung, die eine Verfassung ist der Freiheit und der Gerechtigkeit, ich fordere Sie auf im Namen der Religion, die eine Religion ist des Friedens und der Menschenliebe, dem Anträge beizutreten, den ich heute Ihnen vorzulegen die Ehre habe. (Der Redner kehrte unter lautem und lang anhaltendem Beifall zu seinem Sitze zurück.) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Italien. Florenz, im Februar. Die Zeit schreitet schnell! In No. 7 machten wir die Bemerkung, daß Italien bald in die Reihe der Lander eintreten werde, wo die Gleichstellung der Juden theils vorhanden sein, theils erstrebt werden wird — diese Bemerkung ist heute schon emgetroffen. In No. 9 gaben wir eine Schilderung der Lage Italiens, entworfen am 14. Februar: diese Schilderung ist heute schon veraltet. Sardinien und Toskana sind seitdem in die Reihe der konstitutionellen Reiche eingetreten, und Toskana hat die Juden imGrundgesetz seiner Konstitution mit einem Worte emanzipirt. Denn wenn der 2te Art. heißet, daß die katholische Kirche die Staatskirche ist, die anderen Kulte nach dem Gesetze geduldet werden sollen, so lautet der 3te Art.: jeder Toskaner, welchen Kultus er auch ausübt, ist vor dem Gesetze gleich, tragt gleiche Lasten, und ist zu jedem Zivil- und Militäramt gleich berechtigt. Somit sind die Akatholiken und Juden völlig den Katholiken in politischer und sozialer Beziehung gleich gestellt! 11*