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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-02-28 · Heft 10 (28.2.1848) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 10 (28.2.1848)
Date
1848-02-28
Page
Seite 150 (sequence 12)
Language
German
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150 war ich aus dem Einen, ergriff mich ein Andrer,' und riß mich mit fort, bis ich mich, Stunden von der Stadt entfernt, in einem Walde wiederfand, zur Erde sank, und ohne Bewußtsein liegen blieb.... Wie lange lag ich da? ... Ich weiß es nicht.... Die nächsten Wochen liegen noch heute wie mit einem dumpfen Geistesschleier bedeckt in meiner Seele. Ich ließ mehr mit mir geschehen, als daß ich handelte. Ein Bauer hatte mich gefunden und in seine Hütte gebracht, wo ich einige Tage verweilte. Zurück nach der Stadt konnte ich nicht; daß ich die Leiche meines Bruders nicht mehr finden werde, wußte ich. Im besten Falle lag sie längst Mit Tausenden in einer Grube. Endlich brachte mich der Bauer in der'Nacht auf Waldwegen in das Schloß eines Edeln. Da wurde ich in einem Keller versteckt. Meine Uniform hatte man mir längst genommen, und mich mit Bauernlumpen bekleidet. So lag ich in der unterirdischen.Höhle, in trübem, unklarem Brüten, kärglich, die Nahrung genießend, die man mir reichte. Eines Nachts erschien der Besitzer vor mir, und forderte, mich auf, zu fliehen, , da er selbst zur Flucht bereit sei, indem er die. gewiffe Nachricht habe, daß morgen ein Detachement Ruffen sich im Schlöffe einfinden werde. Er frug mich, wohin ich zu gehen gedenke? Nach Posen, war meine Antwort, zu meinen Eltern. „Unmöglich, der Weg dahin ist der gefährlichste, Sie können dort den Russen, das heißt dem Tode oder Sibirien, nicht entgehen, und selbst im zu bezweifelnden, glücklichsten Falle, daß Sie die. preußische Grenze erreichen, werden Sie dort als entwischter Unterthan, als einzelner Flüchtling der Bestrafung. anheimfallen." — „Aber ich kann gar nicht anders, und mein Schicksal ist mir gleichgiltig." — „Gedenken Sie Ihrer Eltern, junger Mann! Weiter .kann ich Ihnen Nichts sagen. Ich' habe Eile. Thun Sie, was Sie nicht lassen können.^ Hier haben Sie Reisegeld und ein Paar Pistole». Gott geleite Sie!" Beides legteer hin, und verschwand; die Pforte ließ er offen. Ich ermannte mich nach einiger Zeit, steckte Geld und Pistolen zu mir, stieg hinan, wo ich Schloß und Dorf wie ausgestorben fand, und ging in der Nacht von dannen." „Ja, Gott geleitete mich. Wie ich alle Hindernisse überwand, allen Gefahren entging, dem Hunger nicht erlag, der Schwäche nicht zum Opfer fiel — ich begreife es heute noch nicht. In den Wäldern übernachtete ich; in einzelne Gehöfte kehrte ich in der Dämmerung ein, um.mir kümmerliche Nahrung theils zu erhandeln, theils zu erbetteln. Von mancher Thüre mußte; ich unverrichteter Sache umkehren, weil ich Russen dahinter verspürte. Bei einem einzelnen Kosaken thaten meine Pistolen, noch mehr mein Geld günstige Wirkung. Einer Treibjagd auf mich entging ich mit vieler Noch hart an der preußischen Grenze. Nach vierzehn Tagen erreichte ich Posen, passirte mitten in einem Haufen zu Markte fahrender Bauern Thor und Brücke, und befand mich bei einbrechender Nacht an der Pforte des väterlichen Hauses...." „Welche Gefühle bestürmten mich, als ich im Begriff war, die Schwelle wieder zu überschreiten, über die' ich vor wenigen Monden so geistesmuthig geflogen.... Ach, ich war alt geworden in so kurzer Zeit ... ich war todesmatt.... Wo waren meine Begeisterung, meine Hoffnungen, meine Plane, meine Aussichten? wo meine Siegestrunkenheit^ meine großen Thaten? Ach, wo war mein Bruder? ... für den ich gebürgt in der Verblendung meines Rausches, er moderte, der Blühende, fern, vom Feinde verächtlich in die Grube geworfen, nicht einmal seine Ruhestätte konnte ich den fragenden Eltern bezeichnen.... Ich lehnte mich an den Pfosten. Ich konnte nicht hinein. Gesegnet sei die Schwäche, die sich über die Seele des Unglücklichen legt, sonst hatte ich mir den Kopf an der Pfoste entzweigestoßen... . Ach, und es war so still im Hause. Kein Laut tönte heraus. Ein Lichtstrahl flimmerte durch die Spalten der Fensterläden, aber so viel ich horchte, ich vernahm Nichts...." „Da ergriff es mich endlich, ich faßte herzhaft, mich selbst überwindend, die Klinke, drückte sie auf, trat in die Flur, wandte mich rechts, klopfte an die Stubenthüre, Niemand rief herein. Da hielt ich mich nicht länger, ich riß die Thüre auf, und stand darinnen...." „Kaum fiel das Licht auf mich — mein Vater saß am Bette, worauf meine Mutter lag, meine kleinen Geschwister saßen zusammengeduckt in einem Winkel des Zimmers — da stand mein Vater auf, und trat mir entgegen — wie war sein Antlitz verändert, gefurcht, wie versteint, sein Haar ergraut, ungepflegt hing es um sein Haupt — und sprach: „Du kommst zur rechten Zeit ... Du kannst Deine tobte Mutter noch sehen ... Du, Armer! Du hast eine tobte Mutter begraben helfen in Warschau, und kannst nun wieder eine tobte Mutter begraben helfen hier!..." Blieb ich. stehen? sank ich nieder? was weiß ich. Als mein Bewußtsein

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