Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 7 (7.2.1848)
- Date
- 1848-02-07
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
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94 d. M. stattfand, ist entschieden im Sinne der Fortschrittspartei unserer hiesigen Israeliten ausgefallen, indem von den neu erwählten Repräsentanten 11 (die Gesammtzahl der -Repräsentanten besteht aus 15 Mitgliedern) und von den neu erwählten 10 Stellvertretern 5 der Reform angehören. Von den früheren Mitgliedern sind, nur 2 Repräsentanten und 3 Stellvertreter, also etwa der fünfte Theil geblieben.— In dem Betsaale des Brüdervereins wird nächsten Dienstag die erste jüdische Trauung' nach freierem Ritus (d. h. mit Weglassung unwesentlicher, zum Lheil störender Gebräuche) durch unfern strenggläubigen Oberrabbiner stattsinden. Berlin, 20. Januar. Die philosophische Fakultät der hiesigen Universität hat sich in Betreff der Frage der Zulassung der Juden zu derselben einstimmig für dieselben , entschieden, mit alleiniger Ausnahme des Herrn Huber, der.es für nöthig gehalten, dem Kollektivvolum feiner Kollegen, ein entgegengesetztes Separatvotum beizufügen. Die philosophische Fakultät ging davon aus, daß wissenschaftliche Qualifikation nicht von der Konfession abhange, und daß der Staat den Juden gewähren müsse, was er jedem seiner Angehörigen zu gewähren habe, die Gelegenheit, sich nach seinen Kräften und Anlagen frei zu bethätigen. Königsberg, 31. Dezember. (N. K.) Der königsverger Unterstützungsverein, größtentheils aus Juden bestehend, die sich im Nothfalle gegenseitig zmssreie Darlehen gewähren, hat soeben sein Stiftungsfest begangen. Man hatte sämmtliche Prediger der freien evangelischen Gemeinde, die beiden Ausschußdeputirten Königsbergs (Bürgermeister Sperling ist überdies seit der Verhandlung über die Judenfrage auf dem ersten Landtage Ehrenmitglied), den Dichter Gottschall, den berühmten Philologen Lobeck und Andere hierzu eingeladcn. Ein Polizeibeamter hatte den Tag zuvor den Versuch gemacht, Mitglied des Vereins zu werden, ohne jedoch seinen Zweck erreichen zu können. Der Polizeipräsident Lauterbach, der jetzt seine Ueberwachung ches'hiesigen Geistes mit verdoppeltem Eifer betreibt, hatte übrigens mehrere Polizeibeamte beauftragt, ihm den Tag darauf genauen Rapport über die Gäste und alle ausgebrachten Toaste abzustatten. Es war wirklich für den, der die Humanität nur aus Büchern kennt, ein bewunderungswerther Anblick, neben dem Staatsmann und dem christlichen Gelehrten den polnischen Juden mit seinem Barte und in seiner Nationaltracht sitzen zu sehen. Gnesen, 8. Januar. (Privatmitth.) * **)) Den mindest besoldeten Lehrern ist eine Zulage vom Repräsentantenkollegium geworden, jedoch gegen die Verpflichtung des einen, als Bassist im Chore mitzuwirken, des andern, die Jugend in der Synagoge zu überwachen. — Die Derascha's find während des Winters suspendirt. — Der große Lesezirkel für jüdische Literatur hat sich in mehre kleine getheilt. — Der Vorstand will die Krupke aufheben, da sie, theils in Folge der schlimmen Nahrungszustände, theils aus Opposition einer, jedoch unbedeutenden Anzahl, in den letzten Jahren weniger eintrug, und will dafür eine direkte Steuer einführen. — Gnesen ist bekanntlich wie Rom eine Siebenhügelstadt und war wie jenes eine Zeitlang die Residenz heidnischer Könige; die Plebejer rangen dort viele Jahre um ihre Gleichstellung mit den Patriziern, was im Obigen sein Analogon findet; Rom und Gnesen sind bis auf unsre Zeit Sitze der Exzkatholizität, daher Rom ein Kirchenstaat und Gnesen eine Kirchenstadt ist; Rom hat seinen St. Petrus und seine Peterskirche, Gnesen seinen St. Adalbert (Sty. Wojciech) und seinen Dom. In jener ward der erste deutsche Kaiser (Otto I.), in dieser der erste Polenkönig (Boleslaw 1.) gekrönt; Rom hat ferner seinen Papst und Gnesen seinen Erzbischof; Rom seinen Rienzi und Gnesen seinen v. Malszewski (einen Rienzi in spe)*); Rom hat endlich seinen Pius IX., den humanen Beförderer der Judenemanzipation, Gnesen seinen Landtagsdeputirten Kugler. Daß jener liberal und dieser ullramontan ist ein Zufall, der eben zur rechten Zeit meinem Vergleich den Garaus macht; daß jener den Juden das Ghetto geöffnet und dieser sie vom Markte und aus der Domstraße weg und in ein Ghetto hineinwünscht, ist Kaprice, die man einem echten gnesener Katholiken zu Gute halten muß. *) Es thut uns leid, Raumverhältnisse wegen, diese Mittheilung, die eine Ergänzung des letzten Art. in No. 1 sein soll, nur auszugsweise, und lediglich den Schluß vollständig geben zu können. Redakt. **) S. den Polenprozeß.