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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-01-31 · Heft 6 (31.1.1848) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 6 (31.1.1848)
Date
1848-01-31
Page
Seite 86 (sequence 10)
Language
German
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86 befinden wir uns auf dem „historisch-positiven" Standpunkt, d. h. wir nehmen keine Einrichtung in unserm Gemeindeweftn vor, die sich nicht an irgend einen geschichtlichen, Faden.anknüpfen ließe;. indem wir nämliche glauben, daß unsere zu treffenden Institutionen sich/schon dann, einer tiefem Begründung erfreuen, wenn sie nur eine historische Basis haben. Weil sich nun aber die reformistischen Bewegungen der Gegenwart in einen stettigen Zusammenhang bringen lassen mit dem Streben in den zwanziger Jahren, den Gottesdienst aus eine würdevolle Weise einzurichten, so bauschen wir uns auf dies historisch-positive Moments als zur Berechtigung für die Reform in der Synagoge, und beginnen mit derselben in unseren Gotteshäusern. Wir kommen spät/ aber kommen doch. Jndeß darf man das Wort „Reform" nicht in seiner eigentlichen Bedeutung nehmen, sondern in der uneigentlichen, oder vielmehr in derjenigen, wo es eigentlich keine Bedeutung mehr hat. Bei uns zu Lande heißt den Gottesdienst reformiren ungefähr Folgendes. Man. rückt den Almernor zum Aron hakkodesch; am Freitag Abend läßt man, was jedoch seltener ist, den lecha dodi mit Choralgesavg — sit venia verbo — ableiern; am Sabbat macht man anstatt drei Mischeherach nur einen; verlegt die Mizwotversteigerungen vermutlich weil an den übrigen Lagen des Jahres keim rentables Geschäft sich damit ansangen läßt — auf die hohen Feiertage, und rechnet man noch dazu das „Käppchen und Kragen" des Kantors, so hat der Spaß sein Ende. Die störenden Mißbräuche sind nach wie vor vorhanden. Die Synagoge ist noch immer nicht der Ort, wo die Andacht in sanften, heiligen Fluthungen die Seele ergreift, und zur stillen Betrachtung, in sich versenkt; vielmehr spiegelt sich in ihr noch , immer das bewegte Gewühl des Lebens traulich ab.. . Die bunten Lagesneuigkeiten werden da in gehöriger Muße ausgebeutet; denn das Gebet, -welches das Gemüth ganz ausfüllen soll, entbehrt darum jeder Wirkung, weil in fremder, unverstandener Sprache, es .den. Weg zum Herzen nicht finden kann.... Es hilft NlHts., die äußerlichen Wunden zusammenzuflicken, wenn das Leben innerlich dahinsiecht, und es könnte noch einmal geschehendaß die künstlichen Operationen an einem entseelten Körper vorgenommen werden.. Die veralteten Anschauungen der Vergangenheit müssen dem lebensvollen Bewußtsein der Gegenwart Platz machen; die. symbolischen Öpferritualien, die den entsprechenden Ausdruck für die Wiederversöhnung' des Menschen mit Gott verloren haben, müssen aus unseren Gebeten schwinden, und durch ändere, einer solchen Versöhnung adäquatere Gebetstücke ersetzt werden; der persönliche Messias muß in einen geistigen sich verwandeln. So lange wir nicht den Kultus ganz und gar aus dem rostigen Gefüge herausheben, und Alles gethan zu haben wähnen, wenn wir ihm' nur ein zierlicheres Gewand umwerfen, werden wir nimmermehr die dadurch bezweckende, innere Betheiligung des Individuums an dem Gottesdienst der Gesammtheit erreichen, und der Jndifferentismus wird, wenn auch für einige: Zeit scheinbar verbannt, sich immer wieder der Gemüther zu bemächtigen suchen. Zwar sind die meisten Gemeinden Oberschlesiens'' für eine solche durchgreifende Umgestaltung des Gottesdienstes noch nicht reif; nur hier und da findet man das reinere Licht der Religion in spärlichen Lro^fen hingeflossen, aber die Schuld daran haben nicht so sehr die Gemeinden als deren Führer, welche dem wachgewordenen Bedürfniß nach gelauterten Religionsbegriffen entweder die Befriedigung völlig versagen^ oder aber durcheine so unschmackhafte Nahrung abzuhelsen suchen, daß die Betheiligten bald für immer die Lust daran verlieren müssen. So mußte Einem unserer Rabbiner, der dem Andrangen seiner Gemeinde nach zeitgemäßen Reformen nicht länger widerstehen konnte, sogar die spärliche Frist von einer halben Stunde für seine Predigten zugemessen werden - weil die in denselben aufgeführten Gründe über das „Wieweit^ der Reformen die Geduld der Zuhörerschaft einer zu harten Probe unterwarfen. — Jndeß hoffen wir, daß der Fortschritt auch bei uns sich verallgemeinern werde, und wenn der Rabbiner D. zu B. den Chorgesang bei seiner Gemeinde einzuführen gestattete, der vr. L. zu R. sogar eine Konfirmationsfeier in der dortigen Synagoge vornehmen konnte, vr. C. zu O. anderen zeitgemäßen Institutionen den Eingang zu verschaffen wußte, so sind dies freudige Anzeichen eines bald dämmernden Morgens. At 1s z e l (nt, . Spanische.Juden aus Kordova brachten die Lehren des Avizenna nach Montpellier,, und trugen am Meisten

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