Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 5 (24.1.1848)
- Date
- 1848-01-24
- Page
- Seite 74 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225557--09143-3237383- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
74 Korrespondenz. Wien, 5. Dezember 1847. Die Gemeindeangelegenheite». Die Kritik hat noch nie ein wahres Talent zu Grunde gerichtet, und wahrlich die wiener Gemeinde hat Talente genug, um, wenn es darauf ankömmt, Topf sammt Inhalt wegzuwerfen und dafür einen neuen mit güldenen Reifen und frischen, erquickenden Speisen anzuschaffen. . > Doch ich muß mich gleich ertappen. Ich sagte: die wiener Gemeinde" — das ist nicht wahr. Die Wiener sagen: wir haben keine Gemeinde. -— Und da liegt zuvörderst das Hauptübel. Die Vertreter nennen sich: „Vertreter der Israeliten Wiens" und wer nach ihrer Ansicht bat'növbtea gehört, ist bis jetzt noch nicht erörtert. Daher kömmt es, daß die einzelnen Glieder so überall zucken und zappeln, und bei jedem neuen Kleide, daß man diesem zerstückten, zerstückelten Körper macht, wird es entweder zu enge, so daß die Aermel und der Rücken durchgestoßen sind, und alle Großartigkeit und Munifizenz, alle Kunst und Geschicklichkeit, um diese Lappen und Risse zu verkleistern und dem Gewände ein stattliches Ansehen zu geben, scheitern. Oder aber das Maß wird zu groß Ungelegt, und vor viel Stoff können die Hände nicht zum Vorschein kommen,- um handeln zu können. — Wir wollen hierzu die vorzüglichsten Institute besichtigen, und da werden sich unsere Angaben bestätigt finden. Also zuvörderst von 'dem ' Tempel, welcher einen großen Abschnitt in der Kultur und geschichtlichen Bedeutung spielt. — Was das öffentliche Wort betrifft, ist es Herr Manheimer, der von Anfang an es spricht. Inwiefern-seine Ansichten jetzt verschiedener sind, als vor zehn Jahren, und damals verschiedener als vor zwanzig Jahren u. s. w., liegt zunächst in der Zeit und ihren Ergebnissen. Die Zeit hat auf ihren Schwingen schon so Manchen zum Himmel getragen/ so Manchen unter ihren Flügeln Schutz und Ruhe gegeben. Bekanntlich nach dem Jahre 1830 haben die Regierungen die öffentlichen Organe von dem Gebiete der Politik auf das des Religiösen hinübergeleitet, um die Gemüther zur Ruhe zu bringen. Die Himmelstochter „Religion" kann in einer eifersüchtigen Aufregung mit Feuer und Schwert gegen den Gegenstand ihres Haffes kämpfen und wüthen; aber welche selige Momente der Liebe genießt man bei und mit ihr. Die Staaten wollten sich erholen. Das religiöse Gebiet wurde gepflegt doch mit aller Vor- und Umsicht, daß nicht das Feuer des Glaubens zerstöre, was das Schwert zurückgelassen. — Nicht lange nachher kam vr. Sachs nach Prag, der ganz dem konservativen Prinzips huldigte, und sich doch von allen Seiten Achtung und Anerkennung verschaffte. Während dieser Zeit war es auch, daß die ungarischen und mährischen Rabbiner, nachdem sie gehört, daß M. ein Wort dem Konservatismus gesprochen, ihm nach- und angehängt sind, ja mit der Zeit ihn als Autorität betrachteten*). Zudem wollen wir noch hinzufügen die öfteren und häufigen Angriffe der Reformpartei, seit dem frankfurter Gutachten, von Holdheim bis auf Geiger, in einem der letzten Hefte seiner Zeitschrift, gegen die er sich freilich in seinen Predigten verwahrte, indem er die destruktive Richtung dieser Männer zeigte, und dagegen mit aller Macht und Kraft seines Wortes und Geistes kämpfte. Diese kurzen Abrisse werden wol genügen, um anzuzeigen, auf welchem Gebiete wir heute den Mannheimer finden. Andererseits wollen wir auch in Anschlag bringen, daß eine dreißigjährige Erfahrung (denn so lange ist dev M. schon im Amte) ihn gelehrt, daß im Allgemeinen — selbst die Reformfüchtigen — die Gemüther mehr von dem Alten ergriffen werden; — daß der äußere-Prunk und Schmuck den innem Kern und Gehalt nicht in seiner Vollkommenheit erhält, und so schön der Tempel auch herausgeputzt war, doch die Gemüther auf nicht lange erwärmt;— die neuen deutschen Gebete nur in so lange sie neu sind einen Reiz haben, und je älter, statt ehrwürdiger, desto schwächer und geringer die innere Kraft; ferner die tägliche Erfahrung, daß, außer den Religionsstürmern, die Leute durch das konservative Prinzip gewonnen und daher erhalten werden (wir müssen es ausdrücklich bemerken: es giebt in Ungarn, Böhmen und Mähren noch sehr viele Gemeinden, die den hiesigen Tempel als Reform höchster Potenz betrachten); obwol eine anderweitige Erfahrung zeigt, daß beim Juden sich Alles nur im Sturme erobern läßt, und von einem Nachgeben und Eingehen seit Moses, der sagte ^2 *) Wie weit sich das in letzter Zeit gesteigert, ist daraus zu entnehmen, daß M. dieses Jahr den mährischschlesischen Landrabbiner installirt hat.