Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1848-01-03 · Heft 2 (3.1.1848) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
12 (1848)
Issue
Heft 2 (3.1.1848)
Date
1848-01-03
Page
Seite 22 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225551-3225554--09088-3237325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22 welche nun die eigentliche Bill wegen Emanzipirung der Juden basirt werden soll. Sir Robert Jnglis verlangte, daß die zweite Verlesung der Bill (die erste wird am Montag stattsinden) möglichst lange verschoben würde, damit ein christliches Land Zeit fände, seinen Unwillen auszusprechen. Lord I. Russell setzte dafür den 7. Februar fest und bemerkte, Sir R. Jnglis spreche, als ob er beabsichtige, die Juden aus England zu vertreiben, wie weiland die Mauren aus Spanien vertrieben worden wären. —. Wir sammeln noch einige Bemerkungen, die auf die Abwickelung dieses Gegenstandes in England einiges Licht werfen. In der Sitzung, wo das Unterhaus sich für die bürgerliche Gleichstellung der Juden entschied, hatten sich die Mitglieder sehr zahlreich eingefunden, und alle Plätze für Zuschauer waren besetzt, selbst diejenigen, welche den Peers Vorbehalten sind. Als die Beschränkungen der Katholiken aufgehoben wurden, waren die Beweggründe zum Theil politisch. Die Engländer geriethen in Besorgniß; O'Connell, wie neulich gesagt ward, trat an die Schranken des Unterhauses mit Millionen hinter sich. Wenn man freilich?auch von Herrn von Rothschild sagen kann, daß er Millionen hinter sich habe, so können doch die wenigen Juden, deren Zahl in England auf nur 30- bis 40,000 angeschlagen wird, keine Besorgniß einflößen. Die gestrige Abstimmung ist ein reiner Sieg des Jahrhunderts. Das Beispiel des christlichsten Landes in Europa wird auf die übrigen Länder nicht ohne Einfluß sein. Der Widerstand, welchen manche Engländer der Zulassung der Juden entgegensetzen, hat mit persönlichem Widerwillen, wie er sich in Deutschland noch öfters vorsindet, wenig zu thun. Die Männer, welche sich der Zulassung der Juden oder früher der Katholiken hartnäckig widersetzten, gehen im gemeinen Leben mit ihnen ganz freundschaftlich um. In der letzten Sitzung des Unterhauses wollte D'Gorman Mahon, ein katholischer Irländer, beweisen, daß vom Eintritte einiger Andersgläubigen in's Parlament dem Protestantismus keine Gefahr drohe. Da ist mein sehr geschätzter Freund, Sir Robert Jnglis, sagte er, der nun schon 16 Jahre so freundlich mit mir umgeht. Und doch zeigt sich in meinem ehrenwerthen Freunde noch nicht, die geringste Spur von Papstthum! (Großes Gelächter.) —. Der Gemeinderath von London hat beschlossen, Bittschriften bei beiden Häusern des Parlaments einzureichen, alle bürgerlichen Unfähigkeiten der Juden beseitigen zu wollen. Der neue israelitische Aldermann, Herr Salomons, ein höchst gemeinnütziger, in allgemeiner Achtung stehender Kaufmann, war bei der Verhandlung zugegen. Es mag den Feinden der Juden in Deutschland zum Tröste gereichen, daß es auch in England noch einige Philister giebt. Als neulich der Gemeinderath von London über die Bittschrift für die Juden berieth, trat Herr Corney dagegen auf, dem man es lassen muß, daß er ein tüchtiges Maul hat. „Die Juden," sagte er unter Anderm, „haben eine solche Liebe zum Gelde, daß, als Jerusalem von Titus belagert ward, sie Massen von Gold verschluckten und die römischen Soldaten genöthigt waren, ihnen den Leib aufzureißen, um das edle Metall zu bekommen. Sie sind in der That ein Handelsvolk: sie verkaufen ihre eigenen Brüder! Kommt ein Jude in's Parlament, warum können nicht fünfzig folgen? Sie haben ja das Geld dazu. Man denke nur, fünfzig Juden im Hause der Gemeinen! Lord John Russell hat genug zu thun, um mit fünfzig irischen Mitgliedern fertig zu werden, wie würde es ihm gehen, wenn zu den fünfzig Irländern noch fünfzig Juden hinzu kämen!" Man mag aus diesen Proben schließen, daß Herr Corney, der Judenfeind, ein Maul hat, groß genug, daß alle unsere kleinen Schreier darin wie in dem eines Wallfisches herumfahren könnten. Der Gemeinderath erstickte beinahe vor Lachen, beschloß aber fast einmüthig die Petition. Der „Standard", die Standarte der Tories alten Schlages, — jetzt freilich nur noch ein Häuflein, ereifert sich über die Juden und fährt folgendermaßen fort: „Die, welche Augen zu sehen haben, können nicht die Pestilenz vergessen, welche fast unmittelbar dem großen Abfalle von 1829 folgte und welche jetzt ein Reich mit Verderben bedroht, das vor 25 Jahren so reich und so blühend war." Beiläufig war England gerade vor 25 Jahren, in den ersten Zeiten nach dem Kriege, in einer sehr mißlichen Lage. London, 21. Dezember. Im Unterhaus beantragte Lord I. Russell die erste Verlesung der Judenemanzipationsbill, bei welchem Anlaß Oberst Sibthorpe höhnisch frug, ob die Negierung nicht auch sofort dafür sorgen wolle, daß die zukünftigen jüdi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.