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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-12-22 · Heft 52 (22.12.1845) · p. Seite 768

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 52 (22.12.1845)
Date
1845-12-22
Page
Seite 768 (sequence 12)
Language
German
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768 möglich bestehen; denn ein Buch ist etwas Fertiges und Abgeschlossenes und ist als solches keiner Entwickelung fähig. Zwar hat die Zeit dennoch ihre Rechte geltend gemacht, indem die durch sie veränderten Begriffe und Anschauungen neue Kodices mit gleicher Autorität wie die Bibel hervorriefen, in denen das veränderte Religionsbewußtsein neuen Ausdruck und Gestaltung erhielt; dennoch sind diese neuen Bücher nur momentane Unterbrechungen des Stillstandes, während auf religiösem Gebiete der Ausspruch: „der Buchstabe t'ödtet und nur der Geist macht lebendig" ganz besondere Geltung hat. 2) Man antwortet uns ferner, das Wesen des Judenthums bekundet sich in den Ansichten seiner Bekenner und in ihnen sei der wahre Inhalt desselben zu suchen. Aber wer könnte aus der tausendfältigen Zersplitterung der verschiedensten und sich widersprechendsten Vorstellungen und Begriffe das Allen Gemeinsame erkennen, wer das einigende Band aller Sonderüberzeugungen herausfinden? Aus diesem Dilemma können wir uns nicht durch die sogenannte richtige Mitte, mit deren Hilfe so Manche unserer Geistlichen sich klug zwischen den gefährlichste» Klippen hindurchzuwinden suchen, sondern nur durch eine innige Vereinigung beider Momente retten. Wie wenn uns Jemand nach dem Wesen des preußischen Staats früge, wir ihn weder bloß auf das preußische Landrecht, noch auch ausschließlich auf die einzelnen preußischen Bürger verweisen könnten, sondern die stetige Wechselwirkung der Verfassung und Gesetzgebung einerseits und der Bildung, Gesittung und Gesinnung der Bürger andererseits aufzei» gen müßten, so können wir zum wahren Begriff und Inhalt des Judenthums auch nur dann gelangen, wenn wir die Lehren der mosaischen Gesetzgebung mit der lebendigen Ueberzeugung ihrer Bekenner, wie sie sich im Verfolg der Geschichte durch das veränderte Familien- und Staatsleben, durch den Einfluß der Kunst und der Wissenschaft herausgebildet, verbinden und vereinigen. Jetzt sind wir nunmehr im Stande, die Bedeutung, die wir dem Judeuthum zugeschrieben, durch spezielle, positive Belege zu erweisen. Die Unendlichkeit Gottes finden wir in der mosaischen Offenbarung auf erhabene Weise ausgesprochen in den wahrhaft göttlichen Worten: PPi-iS rpniK ‘"TON ich bin der ich bin, ich werde sein, der ich sein werde, in denen nicht wie in den Worten unseres täglichen Gebets Srirn NiN M->ln bloß der Gedanke einer unbeschränkten Zeitdauer liegt. Diese Gotteserkenntniß stammt schon vom Erzvater Abraham her. Allein die Grenzen feiner Familie nicht überschreitend ging sie im Drucke der ägyptischen Sklaverei vollends unter und kaum ein matter Schimmer derselben blieb noch zurück. Da trat Moses auf und in reinerem und erhöhtem Glanze erstand die Goltesidee von Neuem. Zn der Wüste am Berge Choreb weidend, allein mit sich und seinem Kummer ob der Knechtschaft und Versunkenheit seines Stammvolkes, sieht sich Moses plötzlich vom göttlichen Feuer der Begeistrung ergriffen, in feinem tiefsten Innern lodert die Idee des unendlichen Gottes auf, in der er Muth und Kraft findet, der Uebermacht einer ganzen Welt entgegen zu treten; er zieht hin nach Aegypten und bringt seinen Brüdern die Freiheit und die höchsten Wahrheiten, die wir heute noch in der nwv min lesen. Die Einheit Gottes tritt uns in wunderbarer Klarheit und Einfachheit entgegen in den Worten bmizn ‘IHK ■ft mit denen wir Gott preisen bei unserem Aufstehen, mit denen wir unsere Seele in des Herrn Hand befehlen beim Niederlegen, in denen der Sterbende in der Todesstunde noch Ruhe und Trost findet. Die Unkörperlichkeit Gottes endlich finden wir zwar in den 5 BB. Mosis nicht direkt ausgesprochen, das Bewußtsein dieses Gedankens leuchtet jedoch aus vielen Aussprüchen auf's Unverkennbarste hervor, so z. B. nicht nur aus dem zweiten der zehn Gebote, sondern auch besonders aus der Stelle 5. M. 4, 15: „So hütet euch sehr um eurer Seelen willen, daß ihr nicht verderbet und euch machet ein Bild, die Gestalt irgend eines Gebildes, die Gestalt eines Männlichen oder eines Weiblichen, die Gestalt irgend eines Thieres, das ans der Erde, die Gestalt irgend eines Vogels mit Schwingen, der am Himmel fliegt, die Gestalt irgend eines Gewürms auf der Erde, die Gestalt irgend eines Fisches, der im Wasser unter der Erde, und daß du nicht erhebest deine Augen gen Himmel und sehest die Sonne und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels und verleitet werdest und dich vor ihnen niederwerfest und ihnen dienst." Hiermit ist die positive Seite unserer Darstellung des Judenthums erwiesen, daß es nämlich einen und zwar den höchsten Gedanken der Religion unverfälscht und ungetrübt in sich enthalte. Dies ist jedoch nur eine Stufe, während die anderen beiden Stufen durchaus nicht zu dieser Vollkommenheit dnrchgebildet sind. Dies kommt daher, weil der Mosaismus bei der nothwendigen und gleichsam unwillkürlichen Aufnahme heidnischer Begriffe in das Judenthum zwar den Mittelpunkt, um den sich Alles drehte, veränderte und somit aus den Göttern einen Gott machte, aber die Begriffe selbst, von denen als Eigenschaften Gott

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