Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 52 (22.12.1845)
- Date
- 1845-12-22
- Page
- Seite 766 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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766 Religionen wie die Stellung desselben zu der höchsten bis jetzt erkannten Vernunft-Wahrheit gehörig zu begreifen. Als Maaßstab zur Beurtheilung dient uns die Zahl, die Kraft und Gewalt, Ln und mit welcher die früher als Religionsquelle dargethaenen inneren Widersprüche zur Geltung und Anerkennung gelangen. 1) Das früheste Bewußtsein des Widerspruchs' gab sich auf dem Gebiete des Wollens kund. Der Sonnenbrand oder Hagel, der seine Staaten traf, der Strom, der seine Aecker überschwemmt u. s. w., ließ den Menschen zuerst die Schranke seines Willens erkennen. Diese Beschränkung nun schrieb er einem Wesen außer sich zu, das ermit der zunächst empfundenen Eigenschaft der Macht bekleidete und je nach der Gestalt, Ln welcher ihm diese entgegengetretcn, war bald die Sonne sein Gott, bald irgend ein Thier, bald ein Felsen, ein Holzblock oder ein fratzenhaftes Zerrbild. Weder Liebe, noch Unendlichkeit, noch Freiheit schrieb er dem Gegenstände seiner Verehrung zu, sondern Lediglich Macht, und darum bestand sein Gottesdienst in einer knechtischen Unterwürfigkeit, in sklavischer Hingebung an den Priester, in blutigen Opfern von Thieren und Menschen nicht nur von Feinden und Sklaven, sondern auch von Frau und Kindern; und alles , dies glaubte er nicht zu eigener Läuterung und Erhebung, sondern um Gottes willen thun zu müssen. Aber wer in Gott nur eine Macht sicht, mit der man sich wohl verhalten müsse, wer um Gotles willen Opfer, Kasteiung des Leibes, Entsagung aller irdischen Freuden für nothwendig glaubt, der steht, und bekenne er sich auch äußerlich zu welcher Religion er wolle, ans der niedrigsten Stufe der religiösen Anschauung. 2) Das zweite Stadium der religiösen Entwickelung hat den' Widerspruch der Liebe und der Selbstsucht zu seinem Inhalt,, dessen Auflösung in einer mit mehr als menschlicher Tugend begabten Gottheit gesucht wurde. Allein indem man sich diese Gottheit, welche die vollkommene Tugend und Sittlichkeit sein sollte, als menschliche Persönlichkeit vorstellte, übertrug man nicht nur viel Menschliches auf dieselbe, sondern man ließ sogar den schon gelösten Widerspruch wieder in den ursprünglichen Gegensatz auseinander fallen und bildete eine Reihe von guten und bösen Göttern, bei denen natürlich das Bewußtsein der Unendlichkeit Gottes gänzlich ausgeschlossen blieb. Bei dieser sinnlichen Gestaltuug, welche die Religion bei. den Griechen, Römern und Germanen noch bewahrte, konnten die Begriffe der Vergeltung, der Unsterblichkeit und der Seeleuwanderung nicht in der Weise geistig aufgefaßt werden, wie dies in den höherstehenden Religionen der Fall ist.! 3) Der dritte und höchste Widerspruch, der des Denkens, bildet das Gebiet des JudenthumS. Hier geht der Gedanke der Unendlichkeit, auf, aus welchem die Einheit und llnkörperlichkeit Gottes folgt; hier begreift der Mensch wahrhaft seine Aufgabe mnd sein Verhältniß zu Gott; hier erst weiß er, daß für Gott nichts geschehe, noch geschehen könne, sondern Alles zur Befriedigung seines religiösen Bedürfnisses, welches er als das höchste Geschenk Gottes anerkennt; hier endlich ist auch die Unsterblichkeit nicht mehr ein schattenhaftes Fortleben in der Unterwelt, sondern eine wahrhaft geistige Fortdauer. Der Strom des Judenthums sendet nun zwei große Arme aus: den Muhämedauismus gen Osten und das Christenthum gen Westen. Der Islam hat die Aufgabe, die Macht, unter welcher sich die Völker des Ostens Gott vorflellten, zur Allmacht zu erheben. Diese Allmacht ist daher im MnhamcdaniSmus auch besonders vorherrschend, wiewol noch mit einem Beisatz von Willkür, die als Fatum in demselben eine so bedeutende Rolle spielt. Dem Christenthum ist der Beruf geworden, das Tugendprinzip des Griechenthums znm Gedanken einer allwaltenden Liebe zu verklären; eS hat aber durch diese Berührung mit dem Heidenrhum selbst eine Trübung erhalten, indem sich der höchste Gedanke in ihm mit heidnischen Vorstellungen mischte, der Gedanke der Einheit nnd Unkörperlichkeit Gottes. Diesen letzten und erhabensten Begriff der Religion feflzuhalten und bis in seine äußersten Spitzen durchzubilden, war die Mission des Judenthums, wie die Vergeistigung der ersten und zweiten Stufe, die des Christenthums und des Islams. Die weitere Bestimmung dieser Religionen ist nun aber, daß sich die niederen Stufen allmälig zum höchsten Standpunkte des Judenthums erheben, und daß dieses, seine einseitige Entwickelung aufgebend, wiederum die Prinzipien jener untergeordneten Bewußtseinsstufen in sich aufnehme und verkläre. Wie wenn Tiefen, Schluchten und Thälrr sich höben und immer höher und höher stiegen, bis daß sie mit dem höchsten Berggipfel eine einzige Fläche bildeten, also sollen alle Religionen zuletzt in einer einzigen und höchsten sich vereinigen. Wenn nun aber bisher immer nur das Bewußtsein des Menschen als die Quelle des Religionsbedürfnisses und der Religion dargestellt worden ist, wenn ferner auch die geschichtliche Entwickelung der Religion nur in der persönlichen und nationalen Individualität des Menschen ihren Grund haben soll, so scheint die hohe Wichtigkeit und