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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-12-22 · Heft 52 (22.12.1845) · p. Seite 765

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 52 (22.12.1845)
Date
1845-12-22
Page
Seite 765 (sequence 9)
Language
German
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765 Religion es dennoch verschiedene Religionen giebt? Dies erklärt sich 1) aus der Verschiedenheit der einzelnen Menschen und 2) aus der Entwickelung der Menschheit. 1) Jeder Mensch hat zwar ursprünglich dasselbe Religionsbedürfniß, jeder im Grunde dasselbe Ziel vor Augen: das Streben nach der höchsten göttlichen Vollkommenheit. Allein nach dem verschiedenen Maaße'uuserer Kräfte, Anlagen, Fähigkeiten wird sich auch das Maaß unseres religiösen Bewußtseins verschiede» gestalten. Je rüstiger und siegreicher wir den Kampf des Widerspruchs Ln uns führen, d. h. je mehr wir uns von.der Sklaverei unserer Leiblichkeit befreien, je mehr wir gegen die Uebermacht der eisernen Nothwendigkeit ankämpfen, je muthiger wir die verführerische Schlange der Selbstsucht aus unserem Herzen reißen, je tiefer endlich und lebendiger das Bewußtsein von der Nothwendigkeit dieses steten, nie endenden Kampfes gegen die Endlichkeit, gegen die Unfreiheit und gegen das Laster in uns ist, desto näher stehen wir dem Ziele göttlicher Ebenbildlichkeit, eine desto höhere Religionsstufe nehmen wir ein. 2) Aber nicht nur die einzelnen Individualitäten, sondern auch die Entwickelung der Menschheit im Großen und Ganzen bedingt die Trennung der einen und allgemeinen Rcligionsidee in verschiedene Religionen. Denn durch jene Entwickelung sondert sich die Menschheit zu Familien und Völkern, unter denen sich durch gemeinsame Lokalität, gemeinsame Ueberlieferungen, durch gemeinsame Erziehung und Sprache auch gleiche Sitten und Gewohnheiten, gleiche Tugenden und Laster, mit einem Worte bestimmt ausgeprägte Nationalitäten herausbilden, welche mit den religiösen Begriffen und Anschauungen der betreffenden Völker auf's Innigste verwachsen. Darum hat auch die Religion, wie die einzelnen Nationalitäten ihre Geschichte und darum gehen die Kämpfe der Religion mit denen der Völkerentwickelung Hand in Hand. Hieraus erklärt sich nun auch die Erscheinung, daß Individuen und Völker eine desto' größere Intoleranz, einen desto größer» Fanatismus entwickeln, je untergeordneter und niedriger ihre allgemeine Bildungsstufe ist, denn ist die -Religion das höchste Gut des Menschen und ist sie mit seinem persönlichen und nationellen Charakter so eng verwachsen, so ist es natürlich, daß, je boruirter und beschränkter dieser ist, desto weniger wird er eine Wahrheit außer der seinigen anerkennen, oder auch nur dulden wollen; ihre Religion ist ihnen die einzig und ausschließlich wahre und keiner' außer der ihrigen räumen sie das Recht des Bestehens ein. Daher muß auch Jeder,-der. sich zu einer Religion bekennt, diese als die höchste hinstellen, 'weil Keiner die Schranke seiner Persönlichkeit ganz zu durchbrechen vermag, seine Religion ist ihm die höchste, eben weil sie die feinige ist. Auch wir erkennen zwar jede Religion als Wahrheit an, aber das Judenthum als die höchste Wahrheit, so. weit wir diese vom jetzigen Standpunkt der Bildung überhaupt zu erfassen vermögen, als den Keim der absoluten Wahrheit. Jedoch ist keine Religion die Wahrheit, die vollkommene, in sich abgeschlossene Wahrheit. Denn so wir diese hätten, wären wir über jeden Widerspruch und Zwiespalt in uns erhaben, wären wir über jedes Religionsbedürfniß und jede Religion hinaus, wir müßten daun das absolute Wissen, die absolute Freiheit und Liebe besitzen und somit Gott sein. Haben wir nun die Möglichkeit, ja! Nothwendigkeit verschiedener Religionen nachgewiesen, so fragt sich, ob diese Verschiedenheit der Religionen sich mit der Zeit steigern, vermehren oder vermindern und vielleicht einst gänzlich aufhören werde? Die Beantwortung dieser Frage ist schwieriger, als es beim ersten Anblick scheint. Denn man könnte sich leicht zur ersten Ansicht neigen, weil mit der fortschreitenden Bildung die schärfere Charakterausprägung und Individuation immer mehr zuuimmt. Die Samojeden und Kamtschadalen u. s. w. sind sich einander schon in ihrer Schädel- und Gesichtßbildung viel ähnlicher und gleichartiger, als die zivilisirten Völker, und in einer Gesellschaft gebildeter Europäer hat jedes Gesicht sei» eigenes Gepräge; dennoch darf uns die alte Prophetenhoffnung nicht verlassen, daß die ReligionSverschiedenheit immer mehr abnehmen und einst vielleicht gänzlich erlöschen werde, daß die religiösen Begriffe der Rationen bei wachsender Erkenntuiß sich immer mehr einander nähern und sich vielleicht einst gänzlich ausgleichen werden. Denn nur die Wege des Lasters und des Irrwahns sind unzählbar, die Wege der Tugend und GotteSerkenntniß dagegen wenige; je weiter also die Menschen auf diesen in die Wahrheit als ihren gemeinschaftlichen Zielpunkt auslaufenden Wegen vorwärts dringen, desto naher müssen sie sich einander kommen. Wie weit sind nun aber die einzelnen Völker im Verlauf der Geschichte in der Entwickelung zur Wahrheit vorgerückt oder in welchem Maaße und Grade haben die einzelnen Religionen, welche bisher in der'Geschichte aufgetreten sind, die allgemeine Religionsidee an sich verwirklicht? Diese Frage scheint zwar nicht hierher zu gehören; ihre Beantwortung ist jedoch durchaus uothwendig, indem das Verhältnisse des Jndenthums zu den übrigen

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