Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1845)
- Date
- 1845-12-15
- Page
- Seite 754 (sequence 10)
- Language
- German
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754 Himmel emporjubeln läßt, wie wir etwa auch die Weltkörper in ihrem ewigen Umschwung als den himmlischen Chor bezeichnen, dessen Sphärengesang Gottes Loblied anstimmt, oder den Flühlingsduft der Blume ihr Erstlingsopfcr nennen. Als ausschließlich menschliche Eigenrhümlichkeit hat die Religion auch ihre Quelle im Menschen, in dem ursprünglichen Gegensatz seiner Natur, in dem Kampf zweier Welten, die unaufhörlich in ihm um die Oberherrschaft ringen, in dem Kampf seiner Geistigkeit und Leiblichkeit. Aus diesem Kampf entwickelt sich nach den drei Hauptrichtuugen des menschlichen Geistes, dem Denken, Wollen und Empfinden ein dreifacher Widerspruch. 1) Der Widerspruch der Unendlichkeit und Endlichkeit; 2) der Freiheit und der Nothwendigkeit; 3) der Liebe und der Selbstsucht. 1) Sobald sich unser Auge der Welt erschließt, tritt uns eine Fülle von Gegenständen und Wesen aller Gattungen und Arten entgegen. Wir fühlen uns gedrungen, sie näher zu betrachten uud zu erkennen. Wir schweifen aus einem Reiche der Natur in das andre, wir gehen von einem Wesenkreise zum andern fort, wir versenken uns in die Tiefen der Erde, wir schwingen Uns zu des Himmels Höhen empor und steigen von Gestirn zu Gestirn; wir reihen Wesen an Wesen, Erscheinung au Erscheinung und suchen ihre spröde Ausschließlichkeit durch ursächliche Verknüpfung zu überwinden; wir wollen sie allesammt, die ganze Schöpfung als harmonisches Ganze erkennen und den unsichtbaren.Einheitsfaden auffinden. Allein wie weit unser Blick auch reichen, wie weit unser Geist auch Vordringen mag, immer treten wieder neue und noch unerkannte Gegenstände und Erscheinungen entgegen, immer wieder eröffnen sich neue Bahnen und Kreise unsrer geistigen Sehkraft, immer weiter und weiter dehnt sich der erfüllte Raum hinaus. Nirgends weder Ruhe noch Rast, nirgends weder Ziel noch Ende! Ebenso ergeht es uns mit der Zeit.' Begebenheit schließt an Begebenheit, Ereigniß an Ereiguiß. Wir neuuen das eine die Ursache, das andre die Wirkung. Aber jede Ursache ist selbst wiederum nur die Wirkung einer andern Ursache und diese wieder einer andern Ursache und jede Ursache einer unendlichen Kette von Ursachen. Gleicherweise ist jede einzelne Wirkung die Ursache einer unendlichen Reihe von Wirkungen. Und so. mögen wir vor- oder rückwärts, so wir nur können, schließen und folgern, stets bleibt uns jede einzelne Ursache eine unerforschliche Welt Don Wirkungen, wie uns jede Wirkung von Ursach zu Ursach ebenso ohne Ruhe uud Rast, ohne Ziel und Ende unaufhaltsam forttreibt wie »die Erscheinungen des Raumes. Da erfaßt uns rin namenloser heiliger Schauer und in unsrer Seele geht die Ahnung der Unendlichkeit auf, die Ahnung eines unendlichen Wesens, das als solches auch die Endlichkeit umfaßt, das als Endursache alle einzelnen Ursachen und Wirkungen in sich begreift. Und wir fühlen uns dadurch erhoben und gedemüthigt zugleich; erhoben, weil wir uns als Glied der Unendlichkeit wissen,, gedemüthigt, weil wir unsre Endlichkeit und Beschränktheit inne werden. Dies die Quelle wenn nicht der' Religion selbst, doch unsres Religionsbedürfnisses. Und Gott ist demnach nicht das Resultat unsres Wissens sondern grade unsrer Unwissenheit und der eignen Unzureichenheit. 2) Wir tragen das Bewußtsein unsrer Willensfreiheit in uns und nichts ist im Stande, uns dasselbe zu rauben. Der Tyrann, der jedes Wort überwachen, jede Miene beobachten läßt, er vermag nichts gegen unser Wollen und selbst der gefesselte Sklave besitzt noch die Freiheit seines Willens. Und dennoch sobald wir unser-r Willen zu realisiren versuchen, ist es aus mit seiner Freiheit. Dem Bildner, der den Schöpfungen seiner Phantasie Gestalt geben will, leistet der rohe Stein Widerstand; den Forscher, der in den Schooß, der Erde hinuntersteigen oder die Gestirne des Himmels erspähen möchte, hemmt die Trägheit der Materie, die Unzulänglichkeit des Glases. Und nun vollends wie oft scheitert unser Wille an der Klippe unsres eignen Körpers, wie oft an den Staatsgesctzen, an dem Willen anderer Menschen, de» wir als gleichberechtigt anerkennen müssen. Za! ist nicht unsre ursprüngliche innerste Willensfreiheit schon gewissermaßen geschmälert durch den Einfluß, welchen Erziehung, Umgang und äußere Verhältnisse aller Art auf ihn ausüben. Dieser Gegensatz nun unsres unverwüstlichen Freiheitbewußtseins einerseits und der unerbittlichen Nothwendigkeit, die uns stets fesselt, andrerseits, zwingt uns ein Wesen anzunehmen, in welchem dieser Widerspruch feine Auflösung findet, das in seiner unendlichen Freiheit die Nothwendigkeit als überwundene in sich trägt. Also drängt, uns auch dieser Widerspruch zur Annahme eines Gottes hin. 3) Tief in unsrem Gemüthe wohnet die Empfindung der Liebe, die uns von der Natur eingepflauzt ist. Alle 1 bedürfen wir der Liebe unaufhörlich von der Wiege bis! zum Grabe. Wir wissen auch, daß die Liebe-ein durchaus uneigennütziges, aufopferndes Gefühl sei, dejfen. wahrstes und innerstes Wesen darin besteht, daß wir mit unbegrenzter unendlicher Hingebung unser, ganzes Selbst in dem geliebten Gegenstände aufgehen lassen. Und dennoch