Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 51 (15.12.1845)
- Date
- 1845-12-15
- Page
- Seite 753 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225441--07393-3237280- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
753 Oldenburg, 20. November. (Privatmitth.) Dem Berichte über eine in Körben so solenn gefeierte goldene Hochzeit in Nr. 49 d. Ztg. können wir einen gleichen von hier anfügen. Der Maler Fr. feierte dieses seltene Fest. Herr Landrabbiner W,e ch sl e r hielt in der geschmückten Synagoge eine kräftige angemessene Predigt, und ein Mahl und Ball vereinigte Bekenner aller Konfessionen. Der hochherzige Großherzog beschenkte das in bedrängten Umständen lebende Jubelpaar mit einem sehr namhaften Geldgeschenk. Korrespondenz. Berlin, 2. Dezember. Vorlesungen des Nr. S. Stern. I. Am Mittwoch den 26. November, Abends von 7—8, fand im .Lokale der Gesellschaft der Freunde die erste Vorlesung des Herrn vr. Stern statt, welche „die Religion und das Religionsbedürfniß des Menschen" abhandelte. Es hatte sich eine zahlreiche Versammlung von Damen und Herren eingefunden, und unter Letzteren erblickte man auch einige literarische und politische Notabjlitäten hiesiger Residenz. Herr vr. Stern leitete diese damit ein, daß er einen kurzen Blick auf die freudigen und hoffnungsreichen Ereignisse warf, die sich zwischen seinem vorjährigen und gegenwärtigen Auftreten zugetragen und erklärte, daß jener erste Erfolg ihn in diesem Augenblick nicht fowol eruntthige als vielmehr einschüchtere. Denn das erste Mal galt es nur überhaupt zu sprechen, der Wahrheit, die Alle wehr oder minder theils geahnt, theils erkannt hatten, einen Ausdruck zu leihen, und das einfache aber freie Wort mußte von selbst die Gemüther entzünden. Jetzt aber, da das wahrhaft jüdische Bewußtsein bereits vollkommen erwacht, der alte unverkümmerte Stamm des Judenthums sich bereits in frisches Grün gekleidet und in voller Blüthe stehe, dürfte gerade jene die Grenzen seines Verdienstes weit überschreitende Anerkennung, welche er durch seine ersten Vorlesungen gefunden, Erwartungen und Ansprüche erwecken, denen er nicht zu genügen vermochte. Jedoch wage er zu hoffen, daß es ihm nicht fehlen werde, der Versammlung ans dem lautern Strom des JudenthumS, der fo reich und voll daher fließe, einen labenden, erquickenden Trunk zu reichen, und so bitte er sich denn ihre Aufmerksamkeit zu seiner Begleiterin und ihr Wohlwollen zu seiner Beurtheilerin aus. Hierauf machte er durch die Erklärung, daß feine diesjährigen Vorlesungen die Fortsetzung der vorjährigen seien und mildem Nachweis ihres Zusammenhangs den llebergang zu seinem Thema. Während er früher die verschiedenen Gestaltungen des Judenthums im Leben, im Wechsel der Erschemungswelt dargestellt habe, wolle er jetzt versuchen, das Dauernde, Bleibende, das in aller Veränderung ewig Unveränderliche und Unwandelbare oder mit einem Worte Inhalt und Wesen der jüdischen Religion deutlich vor Augen zu legen. Bevor wir jedoch vom Wesen der jüdischen Religion sprechen, sei es vorerst n'öthig, daß wir uns dm Begriff der Religion überhaupt recht klar machen, weil ohne dies kein sicheres Fortschreiten möglich sei. Diese Klarheit des Religionsbegriffs werde jedoch nicht durch eine Definition desselben erzielt; man müsse vielmehr den ganzen Inhalt der Religion auslegen und ihre einzelnen Momente zu erfassen suchen, wenn wir ein getreues Bild derselben erhalten wollen. Dies führe uns nun zu folgenden Betrachtungen: 1) So weit wir die Geschichte der Menschheit zurückverfolgen können hat sich die Religion zu allen Zeiten in allen Welttheilen, in allen Zonen und Ländern der Erde, unter allen Völkern und Nationen als ein nnabweisliches Bedürfniß des Menschen herausgestellt. Weder die graue Vorzeit der Patriarchen, weder die Sklaverei der orientalischen Staaten, noch der überwüthige Freiheitstaumel der französischen Revolution hat dieselbe entbehren können. Ebenso leicht ließe sich Nachweisen, wie kein Stand, kein Lebensalter und Geschlecht sich ihrer entschlagen kann, wie der König und der Bettler, der Reiche und der Arme, der Greis und der Jüngling, der Mann und das Weib, wie sie allesammt der Religion gleich sehr bedürfen. 2) Die Religion ist dem Menschen besonders eigenthümlich und gehört ihm ausschließlich an. Alle Eigenschaften, wodurch der Mensch sich vom Thiere unterscheidet, haben in diesem ein wenn auch nur schwaches Analogon. Dies erstreckt sich sogar bis auf das geistigste Produkt des Menschen, auf die Sprache, da es bekannt ist, daß Thiere derselben Gattung sich durch lautbare Töne gegenseitig verständlich machen; ja bei den Bienen und Ameisen findet sich sogar ein unsrem Staatsleben ähnliches Verhältniß. Rur von der Religion, von der Ahnung eines vollkommensten Wesens hat sich bei ihnen nie auch nur die geringste Spur entdecken lassen, und es ist nur bildlicher Ausdruck des Dichters, wenn er die Nachtigall ihr Morgevgebet zunr 51*