Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1845)
- Date
- 1845-12-01
- Page
- Seite 728 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-728 von hierarchischen Ideen frei zu hatten weiß," die siebenundsiebenzig Protestirendenaber — wahrhaftig es war gedruckt in einem deutschen politischen Blatte zu lesen, — gleichsam als die Repräsentanten des Zeitbewußtseins, als die eigentlichen Kämpfer für Glaubensfreiheit in den Himmel hebt, nun so gelten seine Artikel, wie eben die Propheten auch, zwar „nicht viel im Vaterlande," aber gedruckt nehmen sie sich doch recht gut aus. Es ist eben baut §oüt, und was amüsirt Leute, die nicht amüsabel sind, besser als recht derber Skandal? . Am Schlimmsten aber sind die Männer daran, die ihren eignen Weg gehen, ohne sich einer Partei in die Arme zu werfen. Wer sich darin gefällt, die Gegner recht weidlich zu schimpfen, ihre Lehren hier als gottlos und revolutionär, dort als menschenfeindlich und unbürgerlich darzustellen, wer in edlem Eifer für das was man hier den wahren Glauben, dort den wahren Fortschritt nennt, die Brandfackel in das eigene Lager schleudert, wer den dürftigen Rest politischer und bürgerlicher Freiheit, welcher seinen Glaubensgenossen geblieben ist, fast unwissentlich und unwillkührlich daran setzt, um nur hier seinem Wahnglauben, dort seiner Pseudoaufklärung Bahn zu brechen — der darf sicher darauf rechnen, daß die Gegner der Gegner ihn mit lautem Zubelgeschrei begrüßen, sein Lob in, die vier Weltgegenden hinaus schreien, und es mit seinen Behauptungen und ihrer Begründung gar nicht so genau nehmen, wenn nurdie Partei und ihre Leidenschaften dabei gewinnen. Ohne Anerkennung bleibt nur, wer mit seinem Geiste statt mit dem Wortführer denkt und weder zu den orthodoxen noch zu den heterodoxen Verketzerern gehört. Wer Mißbräuche, mit Ernst und ohne Menschenfurcht, aber auch mit Schonung und ohne rohe Verletzung abzuschaffen bemüht ist; wer die talmudischen Satzungen als antiquirt und heut zu Tage unanwendbar, aber nicht als verwest und verpestend, wer den Geist der Zeit als ein wesentliches, aber doch nur als ein Element des religiösen Fortschritts betrachtet; wer mit einem Worte den Männern angehört, welche man in der Höhezeit des französischen Terrorismus die „wahnsinnigen Gemäßigten" nannte, der hat heut zu Tage itf jedem Stande, am Meisten aber als jüdischer Rabbiner, einen schweren Standpunkt, und es kann, ihm leicht passiren, daß die Weisen der Vorzeit und die Weisen der Neuzeit feinen Beruf auf gleiche Weise geringschätzen. So hat auch unser wackerer Rabbiner Stein, trotz der allgemeinen Hochachtung, deren er sich erfreut, unwürdige Angriffe genug, zumal in öffentlichen Blättern, erdulden müssen. Daß die von ihm in Schrift und Wort ausgesprochenen Ansichten, seine Stellung in der Gemeinde und der Rabbinerversammlung mehr oder minder heftig besprochen wurden — darüber wollen wir uns durchaus nicht beklagen. Der Kampf um Meinungen muß mit Ernst und Wärme geführt werden, und wenn wackere Männer manchmal die zarte Grenzlinie überschreiten, so liegt doch achtungswerthe Gesinnung zu Grunde. Man kann die Waffenführung tadeln, die Waffenträger wie den Kampf selbst muß man ehren. Aber unwürdige, durchaus entstellte Persönlichkeiten, Verdächtigungen eines von Jedem, der ihn kennt, hochgeachteten Charakters, Insinuationen, die rein aus der Luft gegriffen sind — wie mögen Blätter von ernster wissenschaftlicher Tendenz ihre Spalten einer solchen Polemik öffnen? Herr Stein antwortet darauf am Besten, indem er — gar nicht antwortet. Er hat eben, außer den allgemeinen gottesdienstlichen Vorträgen, noch besondere vorzüglich für die dienende Klasse bestimmt, die jetzt um so mehr des innern moralischen Halts bedarf, weil sie am Wenigsten^ die religiöse Grundlage entbehren kann. Diese Vortrage, gemüthlich und populär gehalten, sind für einen Rabbiner eine weit würdigere Beschäftigung, als Polemik in den Journalen, und es ist sehr lobenswerth, wenn er statt unnützer Streitigkeiten heilsame Einrichtungen fördert. Wir müssen Herrn Stein überhaupt die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er mit der größten Hingebung für Alles wirkt, was er als gut und löblich erkennt, und namentlich sein sehr bedeutendes Rednertalent mit dem unermüvetsten Eifer dem Dienste des. Guten und Wahren weiht. Es ist ihm hierdurch gelungen, eine große Anzahl würdiger Männer der Apathie zu entreißen, in welche die verwitterten Formen des alten Gottesdienstes sie versetzt hatten, und den dem äußern. Zeremonialdienste Entwachsenen durch Hervorrufung religiöser Gefühle und Bedürfnisse Nahrung zu geben. Er hat in der That für den Gottesdienst sehr viel gewirkt und wenn er nicht Alles dafür, gethan hat, was zu wünschen wäre, so muß man bedenken, daß selbst Solon den Atheniensern nicht die im Allgemeinen besten Gesetze gab, und sich schon damit be-