Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1845)
- Date
- 1845-12-01
- Page
- Seite 727 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225439--07363-3237248- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
727 den und müssen sie bekommen/ dann wollen wir sie recht, und ein auf sie mitberechnetes Gebetbuch und ein für sie geeignetes Gotteshaus dazu. Sapienti , sat. — Eine fünfte Unwahrheit ist, daß ich das Gebetstück ynasb am gestrichen hätte. Dasselbe wird 'hier, was Herr K—m wieder recht gut wußtebei allen gottesdienstlichen Gelegenheiten, wo es bis jetzt vorkam, gebetet, nur beim Sabbat-Mincha-Gottesdienste hat man es-der Abkürzung wegen — freilich wie es gewöhnlich in den Synagogen andachtslos gegähnt wird, nimmt es wenig Zeit hin —weggelaffen. Ich glaube aber, dadurch, daß man ein Gebet einmal weniger spricht, hat man sich noch nicht mit dem prinzipiellen Bekenntniß der Judenheit in Widerspruch gesetzt, wie Herr K—m faselt. - So beirren diese Leute durch unvollständigem unrichtige Korrespondenzen das Urtheil des Publikums, und so wird die jüdische Presse mißbraucht! — Schließlich wollen wir Herrn K—m in Betreff des Gegenstandes, worüber er vor dem oben besprochenen in derselben Nummer des „Orient" berichtet, in Freundes Interesse zu bedenken geben, ob er es für billig und gewissenhaft hält, Gerüchte, die man vom Hörensagen kennt, in die Welt hinaus zu schreiben und so den Ruf Dritter auf leichtfertige Weise auf's Spiel zu setzen. Das pNL ,ö:rm 1^2 21722) wird aus der Moral dieser Art von Publizisten bald gänzlich geschwunden sein. Stein, Rabbiner. Frankfurt am Main, 15. November. (Privatmitth.) Jean Paul hat sich den Spaß gemacht, die Lehren, welche gewöhnliche Eltern ihren Kindern geben, zusammen und einander gegenüber zu stellen. Da heißt es denn in einer Stunde:. Du mußt deinen Vorgesetzten blindlings gehorchen, in der nächsten: und hübsch selbstständig sein. Jetzt: mache es nur immer wie dein Vater, und dann wieder: das schickt sich wol für Erwachsene,- über nicht für Kinder. Heute: dulde Unrecht ukid schweige; morgen: laß dir ja nichts gefallen. Das. klingt nun freilich kraus genug, ist aber ein wahres Muster der Konsequenz gegen das, was heut zu Tage die Gemeinden und oft das Publikum selbst von einem jüdischen Rabbiner fordern. Da heißt es: nur immer fest auf der Bahn des Fortschritts, und dann wieder^ aber nur nichts abschaffen, was Herrn N., der zu den Unseren gehört und noch allerlei Vorurteile hat, mißfallen könnte. Jetzt: fort mit dem alten Sauerteig, der unserer Zeit nicht angemessen ist, und kurz darauf: ums Himmels willen, dieses Gebet nicht gestrichen, die Leute sind einmal daran gewöhnt. Frei aussprechen soll sich der Rabbiner gegen Talmud und Tradition, gegen Zeremonialdienst und Werkheiligkeit, und läßt er ein Wort fallen, das irgend einer ihn ansprechenden alten Sitte einigen Werth oder einigen wohltätigen Einfluß beilegt — husch ist die ganze Meute hinter ihm drein und schilt ihn einen Jesuiten. Aber fährt er etwa am Sabbat auf der Eisenbahn, was selbst nach dem Talmud durchaus nicht verboten ist — dann wird sie noch weit wüthender, und.klafft und bellt so lange hinter ihm her, bis die Weisen, die Diplomaten in den jüdischen Aemtern die Stirn in sehr ernste Falten legen, über seine Unbesonnenheit, seinen Mangel an „Takt" und „Umsicht" klagen, und ihn in Gottes Namen seinem Schicksal überlassen. So lange noch ein Gebet in hebräischer Sprache verrichtet wird, hüten sich die Tonangeber in den größeren jüdischen. Gemeinden wohl, den verbesserten Gottesdienst zu besuchen. Er erinnert noch zu sehr an die Weise der Vorfahren, die so „unfashionable," so unelegant waren, und in den Salons ihrer aristokratischen Nachkommen sich gar übel q^usnehmen würden. Aber geht der Geistliche ernstlich an das Werk der Kultusverbesserung, will er das deutsche Element tiefer in den Gottesdienst eindringen lassen, etwa gar an den hohen Festen, am „Gedächtnis"und Versöhnungstage,' dann gehen ihm dieselben patriotischen Aufklärer sehr zu Leibe. Das wäre doch gar zu kühn und unpraktisch, meinen sie und lassen wol gar schon Geschehenes zurücknehmen oder verflachen. Zu diesen-Annehmlichkeiten unserer neuen Rabbiner kommen noch die literarischen Katzbalgereien in den Journalen, die nicht selten ihre Spalten dem Skandale lieber als der Diskussion öffnen, weil die. Leser sich nie weniger ennuyiren als wenn sie sich ärgern, und die Leute heut zu Tage nur das nicht lesen, was sie langweilt. Kommt da ein Korrespondent, der unsere neueren Rabbinen aus purer Liebe zum Fortschritt sehr schilt, weil sie ihm viel zu obskur sind, die alten Orthodoxen aber, die heute noch im sechszehnten Jahrhundert leben, enthusiastisch preist, weil sie — nun weil sie ihn auch zu schätzen wissen; der die Rabbinerversammlung bitter anfeindet, „weil sie sich nicht ganz