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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-12-01 · Heft 49 (1.12.1845) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 49 (1.12.1845)
Date
1845-12-01
Page
Seite 719 (sequence 3)
Language
German
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719 die zahllosen, die jetzt in Rußland um des Judenthuws willen zum Himmel steigen, die-Schmerzen, die' darum gelitten,.-der Hunger, der darum geduldet, das Elend, das darum ertragen wird — diese zählen wir, und diese fällen schwer in unsere eigenen Herzen, daß wir uns nicht zu lassen wissen..... Höret nur eine kurze,' erbauliche Geschichte. Reulichst fuhr ein Freund von uns mit mehren Fremden auf der Eisenbahn. Es war Einer darunter, der aus Rußland kam. Man sprach über russische Zustände. Da sagte der Fremde — er war Christ er sprach wörtlich: „Wahrlich, wenn über Rußland großes Unglück kömmt, so wäre es nicht zu verwundern, denn das verdient man dort durch das unsägliche Elend, welches man an Mitmenschen, an den Juden, übet; nein! es ist nicht mitanzuseheu!"... Dies sprach der-Fremde, aber wörtlich so. Nun, wir beten die Rache des Himmels nicht herab, wir wünschen nicht, daß Unschuldige unter den Thaten Andrer leiden, ja, wir wollen den Glauben an die göttliche Vergeltung — so sehr die Geschichte ihn auch unterstützt — nicht zur Hülfe rufen: aber schweigen können wir nicht dabei, und sagen uns einfach— böse Thaten müssen böse Folgen haben; Giftsaat muß Gifternte bringen; was heute dem Einen geschieht, nun, dasselbe muß ja auch dem Andern geschehen-und das ist es, waS wir noch ganz besonders hervorzuhebea haben. Wenden wir uns jetzt von den Juden als solche«, als lebenden Individuen, als am Erdenlebeü betheiligten und zu ihm berechtigten Individuen ab wir wollten ja auch für die Menschheit selbst sprechen, Ln deren Namen klagen, in deren Namen ernstlich warnen — das wollen wir noch thun. Die Menschheit hatte schon überwunden geglaubt jene,! ia der Geschichte mehrmals zu Tage gekommene Absicht:! den Staat auf ein einziges Glaubensbekenntniß zu erbauen. Die Menschheit hatte gewähnt, längst wäre der! fürchterliche Wahn, daß der Staat die Berechtigung hätte/ feine Glieder zu ein em GLaubeüsbekenutniß zu zwingen, iu die'Holle hinabgefahreu, aus der er hervorgegangea. Nein, sie ist noch da, Rußland ist das große Schlacht-, feld, auf welchem ihr verblutende Opfer -sinken.- Siehst * du- Euwpanicht die ungeheure 'Gefahr, die dir daher droht? Das Menschenrecht, seiner persönlichen Ueberzeugong zu /eben, Duldung und Freiheit Russland legt die schärft; Axt an Liese.Wurzpln unseres gauzen Lehens,! der gauzen Gesittung. Ihr. wisset les ' wohl: Wghusiu« - ist: ansteckend, namentlich politischer Wahnsinns AÜe Herrscht begierigen strecken ihre Hand nach einem scheinbar geglück. ten Grundsatz ans. Wenn in einem Theile der Erde die unbedingte Gewaltthätigkeit ihren Sitz aufgeschlageu, so wird auch in gesitteteren Gebieten eine geringere entschuldbarer. Jenes Palladium der Tugend und Gerechtigkeit — beim Einzelnen wie in der ganzen Gesellschaft — die Furcht vor der Untugend und Ungerechtigkeit, geht verloren bei dem tägliche Anblick, daß in einem großen Theile der Erde das Unerhörteste geschieht. Bedenke, Europa, wenn es Rußland gelungen, aus seiner ganzen Menschenmasse eine große, verdumpfte, fanatische Riesenmasse einer alten Kirche zu machen-fühlst du nicht den Kampf, der dir daun bevorsteht? kann die Löfkerwanderung, kann der Mongvlenzug gegen dein Menschenrecht, gegen deine Gewissensfreiheit, gegen deine Wissenschaft nicht losbrecheu? muß er nicht vielmehr dann losbrechen und in einer fürchterlicheu Explosion eine halbe Welt begraben? Ja, Gewissensfreiheit und Gewi sfeuszwaug sind zwei Genien, die nicht friedlich neben einander bestehen können — sie müssen sich bekämpfen, sie müssen sich vernichten; so lange der zweite noch athmet auf Erden, so lange kann die erste nicht ruhen; oft halten sie Waffenruhe halbe,- ganze Jahrhunderte neben einander, täuschen sich gegenseitig, indem sich jeder in seinen Grenzen erhalte» zu können glaubt —. aber der Punkt, der Moment, wo. die Lohe aufflammt, er bleibt niemals aus..... O, man hatte schon jenem erhebenden, göttlichen Gedanken sich hingegeben, daß fortan'die Menschheit Richterin sein würde über die Thaten ihrer Kinder; daß sie selbst das Strafschwert führen würde gegen die Uebelthäter; daß sie auf ihrer Eroe nicht mehr dulden würde Gewaltthat und Tyrannei, Glaubensdespotismus und Menschen druck — — Rußland macht -diesen Gedanke» zu Schanden, 'Rußland zeigt: es können noch viele Jahrhunderte darüber hingehe», ehe dieser Gedanke eine Wirklichkeit sein wird.i. Wahrlich, Menschheit! europäische Menschheit! wen» Rußland seine Kordons, seine zehnfachen Schutzjiuieu gegen .dich aufführt, daß kein Buch, kein Wort, ja kein Gedanke durchdrtnge, die ihm zuwider wären-- noch viel stärkere, noch viel undurchdringliche Wälle solltest du —- gegen Rußland aufwerfen: denn alle Dunkele heiten, alle Flecken deiner Vergangenheit, alle Schreckbilder dpjaer Geschichte: ''WeigMschaft,. Inquisition, Autökralle rc.. udort sind . sie noch Wirklichkeiten, dort stehen sie sogar zum Kämpfe gegen dich gerüstet, schlag-

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