Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 49 (1.12.1845)
- Date
- 1845-12-01
- Page
- Seite 718 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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718 das Judenthum!" Denn das Judenthum hat seine Erfüllung niemals ln einer größer« oder kleinern Zahl seiner Bekenner gefunden; das Judenthum findet seine Erfüllung darin, daß ein Kern des Stammes, dem es -übergeben worden, immer um dasselbe geschaart bleibe, daß aber der Kern seines Wesens immer mehr die ganze Menschheit durchdringe, feine Ideen und Wahrheiten immer mehr den Sieg in der gesammten Menschheit erringen, ob diese ihn eingestehe oder nicht. Das Juden, thum war daher niemals abhängig von Zeitverhältnissen, von Gewaltstreichen, von Individuen.- Das Judenthum ist nicht abhängig von einem Kaiser von Rußland, und sei dessen politische Macht zur Zeit noch so riesengroß. Das Judenthum fleht außerhalb von Ukasen und Gesetzen und Reskripten. Es ist eine alte, jetzt immer mehr erkannte Wahrheit, daß Israel darum zerstreut wurde über die ganze Erde, damit Las Judenthum erhalten werde, so daß, wenn die Söhne Juda'S Ln dem einen Theile der Erde vom Sklavenjoche niedergebeugt werden, sie in einem andern Theile sich erheben können. Als Israel einst vom Westen (Spanien, Frankreich) vertrieben und auf Scheiterhaufen verbrannt wurde: öffnete der Osten (Türkei) seine Häfen zu gastlicher Aufnahme. Und wenn nun gegenwärtig über Israel vom Herrn es verhängt worden, daß es im Osten schwer, schwer leide, schwer für das Bekenntuiß des Einigen leide — nun so können wir unsere Blicke auf den Westen richten, wo. wir bürgerliche Freiheit und Rechtsgleichheitdiesseits und jenseits des Ozeans immer mehr sich befestigen sehen. Also nicht für das Judenthum — denn" das ist erhaben über allen Druck und alle Gewaltthat — wol aber zunächst für zwei Millionen Individuen unseres Glaubens, die von der Erde getilgt oder zur Aufgabe ihrer Seelenruhe und ihres Seelenheiles'gezwungen werden sollen! Hier ist es uns unmöglich, nicht zuvor erst einen Blick uns zur Seite zu werfen. Daß die Protestanten und Katholiken-gleichfalls zur russisch-griechischen Kirche gebracht werden sollen, ist eine anerkannte Sache; nur nicht gleicherweise mit den Juden, wie wir in voriger Nummer auseiuandergesetzt haben. Vorerst richtet man seine Streiche gegen die katholische Geistlichkeit. Wie benimmt sich nun Europa hierbei? Wie ^nehmen sich Lnsonders diejenigen, welche die öffentliche Meinung theils repräsentiren, theils bearbeiten wollen? — —Wir müssen gestehen: wir begreifen es nicht, aber eine strengere und gerechtere Nachwelt wird Rechenschaft darüber fordern! Sollte man es glauben, anstatt sich wie ein Mann gegen diesen unerhörten Gewissenszwang zu erheben, und' ijn Namen der Menschheit yelgegen zu protestiren;— höhnen sich noch dazu Pvötrstänten und Katholiken darüber gegenseitig! So brachte die Breslauer Zeitung vor Kurzem einen Artikel, worin sie die katholische Geistlichkeit ironisch erinnerte, daß nun auch ihre Stunde geschlagen, die Deutsche Allgemeine fordert den Kaiser indirekt auf, auf seiner italienischen Reise mit seiner Flotte einen Feldzug gegen Rom selbst zu eröffnen! Also das bleibt unerwoge», daß so viele Menschenherzen den Qualen der Gewissensunruhe, der Verleugnung dessen, was ihnen das Höchste und Heiligste ist, ausgesetzt werden; das bleibt unempfunden, wie viele Menschenindividuen, die das theuerste Recht des Friedens und der Duldung haben, zertreten und den Foltern des Gewissenszwanges und den Qualen des Märtyrerthums übergeben werden.— das Alles wird hiutenangefetzt, um dem Parteikitzel mit höhnischen Phrasen zu genügen! So entartet ist unsere Zeit, so entnervt die Oeffentlichkeit! Nicht also wir Juden. Wir haben noch Herzen für unsere Mitbrüder. Wir können nicht so viele Seelen auf dem Götzenaltar des Gewissenszwanges bluten sehen, ohne mitzubluten. Wir können nicht sehen, wie man den Eltern die Kinder entreißt, um sie auf immer ihnen zu entfremden, um sie — kinderlos zu machen, ja unglücklicher als kinderlos. Wir können nicht ruhig mit ansehen, wie man dem Gatten sagt: entweder laß Weib und Kind verhungern, und verhungere mit, oder bekenne dich zu einem Glauben, den du freilich seit deiner Geburt als den nicht richtigen bekannt hast! wie man zum Sohne sagt: entweder laß deine greisen Eltern verschmachten, oder setze hintenan, was du als göttlich verehrst, verleugne, was du für heilig halst! wie man zum Jüngling sagt: diene fünfundzwanzig Jahre als Troßbube, 'oder geh Ln eine Kirche, die du von Geburt an zu meiden gelehrt worden! Wir können nicht mit Ruhe zusehen, wie man um des Glaubens willen drückt, verfolgt, schändet, beugt — ohne daß unser Herz im Leibe sich herumdreht!..... Ja, es werden von hundert Juden zwanzig übergehen, aber fünfzig als Märtyrer sterben, und dreißig in Elend fortvegetiren. Ja, es bereitet sich in Rußland ein großes jüdisches Märtyrerthum von Neuem vor, und wir sollten still schweigen? Nein! wir zahlen nicht ängstlich die Zahl der Bekenner, die dem Judenthum dadurch verloren gehe-r — das Judenthum wird bleiben mit fünf Millionen, wie es mit sieben Millionen sich erhalten — aber die Seufzer,