Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 48 (24.11.1845)
- Date
- 1845-11-24
- Page
- Seite 711 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225389-3225438--07346-3237230- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
711 witz und Kreuzburg sollen mit gleicher Absicht umgehen, ohngefähr zehn der angeführten Städte sind zu unbedeutend, um-irgendwie einen Ausschlag zu geben, alle aber einer Reform zwar durchaus nicht abgeneigt, die sich auf Veredlung des Gottesdienstes erstreckt, radikalen Bestrebungen aber, mit Ausnahme von ungefähr drei oder vier, in jeder Hinsicht fremd. - . Es ist nicht wahr, daß wir den ans» einer gleichachten. Dies ist nie, selbst zur Zeit des Talmuds nicht, geschehen. V'S'tfs ttba fin-in rrb nun Daß in unseren Synagogen noch nicht die gewünschte Ordnung eingetreten, ist leider wahr und wird von Niemand mehr beklagt, als von uns selbst. Allein dies liegt in nicht zu beseitigenden Umständen, und wir fragen nur, ob diesem Uebelstande durch einen Ultraradikalisnius selbst abgeholsen werden könnte*). Wenn eine Gemeinde von achtzig Mitgliedern, unter denen höchstens zwanzig Kontribuenten, einen Rabbiner, einen Lehrer, einen Schächter, einen Vorbeter u. s. w. besoldet, dabei ihre Armen- und andere Gemeindebedürfnisse zu unterhalten und zu bestreiten hat, kann schwerlich einnach den Erfordernissen der Zeit musikalisch gebildeter Kantor herbeigeschafft werden, ohne welchen ja an eine Synagogenordnung nicht füglich gedacht werden kann. Es ist unbillig, einen Maßstab von Breslau, Berlin, Königsberg u. s. w. an Gemeinden legen zu wollen, die weder quantitativ noch qualitativ irgendwie einen Vergleich mit jenen aushalten können. — Eine Impertinenz aber ist es und unverschämte Verläumdung, wenn der Korrespondent uns (wahrscheinlich um uns näher zu haben) auf eine „niedrige Stufe, der Gesinnung und Gesittung" hinabzieht. Unsere. „Klausen" .stehen Jedem offen, und hoffentlich wird Niemand, der selbst auf Achtung Anspruch machen kann, unserm moralischen Lebenswandel, ja,. unserem wissenschaftlichen Bestrebungen seine Achtung versagen. - . Hinzuzufügen ist noch, daß die oberschlesischen Rabbiner ohne Ausnahme sich,, so viel in ihren Kräften steht, in ihren Predigten der rein deutschen Sprache bedienen, daß diese Predigten selbst im-Ge- *)' Der -Korrespondent hat dies von den oberschlesischen Rabbinen nicht , verlangt. > Redakt. biete der reinen Moral und eines geläuterten Judenthums sich bewegen, daß die Rabbiner die Gemeindeschulen sorgfältig überwachen und den Unterricht durch öftere persönliche.Gegenwart zu leiten suchen. Kann der Korrespondent von dem Allen das Gegentheil (nicht behaupten, sondern) beweisen, so möge er seinen Tadel spezialiter motiviren. So lange dies nicht geschieht, würde es ihm geziemender gewesen sein — bescheiden zu schweigen. — Lächerlich ist es fürwahr, uns hierarchischer Bestrebungen zu beschuldigen und — fast zweifeln wir, ob Korrespondent hier mehr als nachschreibt, was er gehört oder in politischen Zeitungen gelesen. — Daß unsere Herren Lehrer nicht überall nach dem Wunsche des Korrespondenten besoldet werden, ist vielleicht zum Theil wahr. Dies ist aber eine Klage auch anderer Religionsparteien, die der Korrespondent aus den Zeitungen kennen gelernt haben mag. Allein fällt dies uns, den Rabbinen zur Last! Merkt der Korrespondent nicht, daß er hiermit nur die Gemeinden anklagt?—Und doch hat er dieselben eben noch so sehr ihrer reformistischen Bestrebungen, ihrer „Kraft und Frische" wegen gepriesen. — Das ist der alte Fluch der Lüge, daß sie zuletzt sich selbst als solche darstellt*). Ein oberschlesischer Rabbiner. Lrchtenau bei,Paderborn, 7. November. (Privatmitth.) Heute hattenwir in unserm Städtchen den erfreulichsten Beweis wahrhafter Toleranz. —. Am 4. d. M. starb der hiesige jüdische Kaufmann Isaak Archenhold in seinem sechsundsiebenzigften Lebensjahre. In seinem langen Leben hatte er ohne Unterschied der Konfession, sowol in seiner frühern Stellung als Adjunkt des Maire, wie auch als Privatmann Gutes gethan. Es wurde ihm nun heute bei seiner Beerdigung Ehre erwiesen.- Fast fammtliche Schützen nebst der mit Trauerflor umhüllten Schützenfahne, wie auch seine Freunde und Verehrer von den Bürgern hiesiger Stadt, ohne Unterschied des Glaubens und Standes, folgten seiner Leiche. Nach Beendigung eines Grabliedes wurde auf dem Friedhofe eine recht paffende Leichenrede gehalten- *) Wir haben in dieser Entgegnung Mehreres zu Heftige, gestrichen, wie wir dies in dem besprochenen Artikel ebenfalls gethan.- Redakt.