Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-11-17 · Heft 47 (17.11.1845) · p. Seite 695

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 47 (17.11.1845)
Date
1845-11-17
Page
Seite 695 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225437--07329-3237212
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

695 Zn Rußland steht der Jude an geistigen und sittlichen Vorzügen ungemein höher als die ungeheure-Masse der Leibeigenen, aber eben so hoch ist an Rang und Würde über ihn der Adel gestellt, so daß er weder die Sitten der Einen noch der Anderen anzunehmen sich gedrungen fühlen kann, sondern vielmehr isolirt zwischen jenen beiden Ständen als dritter in der Mitte steht. Darum bildet er aber auch in den von ihm bewohnten Gouvernements überall eine ungeheure Majorität, auf die nichts Einfluß übt, und die sich in den ererbten Zuständen so lange behaglich fühlt, wie nichts sie darin stört. Wir haben in dieser Zeitung einmal einen genauen Bericht über den jüdischen Handwerkerstand in Berditschew gegeben; es leben dort außer den Gesellen 4000 jüdischen Meister. Die Regierung kannte dieses Verhältniß wenig, das durch die eigene Konkurrenz so drückend und beengend für sie ist, da nach den übrigen Gouvernements kein Abzug stattfinden darf. Jetzt hat sie den Entschluß gefaßt, diese Gewerbe bei den Juden zu kontrolliren, um, wie man es offen sagt, die Kontrolle zu benutzen, den Juden so lange zu drueEert, bis er — „zur Besinnung kommt." f) Wie steht es aber mit den Gelehrten und Künstlern? Noch wurde Keinem, obwol das Gesetz von 1835 es erlaubt, eine Lehrerfielle, noch kein Arzt im Innern Rußlands angestellt; es war ein Fall, daß ein sehr wackrer Künstler sich um eine Stelle an der Akademie der Künste bewarb — aber er sollte sich erst taufen lassen, was der Künstler rundweg abwies. 3) Judeß sah man sowol aus der Rekrutirung, wo man die Kinder aus den Armen der Mütter riß, als auch durch alle beschränkenden Verordnungen doch nur einzelne Splitter und Aeste von dem großen, tiefwurzelndeü Baume sich loslösen; die Energie, die Gewalt konnte sich mit dem Aushöhlen des Felsens durch Tropfen auf Tropfen nicht begnügen, man verlangte ungestüm bestimmte, sichere Pläne. Da war es das Ministerium, welchesvorschlug, die Juden zu—bilden, durch Bildung sie der Glaubeusiunigkeit zu entziehen, höhere Bedürfnisse in ihnen zu wecken, und vermittelst des politischen Druckes ihnen die Befriedigung zu versagen— das mußte sie zur Taufe fuhren! Hatte-man doch in Deutschland so geistreiche Juden sich taufen sehen, nur um eine Professur zu erlangen, war doch eine lange Zeit in Deutschland mit der Bildung auch der Jndifferentismus, der keinen Druck erträgt, gestiegen! Gesagt, Hand angelegt. Aber um eine Masse zu bilden, gehört mehr als Kommandowort. Man muß diese Masse selbst interessiren, man muß sie selbst befragen. Diese Masse hat einen angebornen Instinkt, zu fühlen, von wannen eigentlich der Wind wehe. Sie wird sich daher ihre Grundlage nicht nehmenlaßen. Dies stellte sich allmälig heraus, die Vorbereitungen waren groß, dauerten lang, das Ziel, welches man im Auge hatte, konnte man nicht absehen. Der Kaiser verlor die Geduld und beschloß, ■ 4) die Gewalt zur Tyrannei zu steigern, ohne Schonung und Rücksichten solche Mittel anzuwenden, durch die den Juden entweder Untergang oder Glaubensabfall, Abfall von seiner mit der Muttermilch eingefogenen Ueberzcuguug, von seiner angestammten GotteSverehrung, von seinen Gesetzen, Gebrauchen, Sitten, zur Wahl vorliegen würden. 'Es erschien daher a) der Ukas, der die Juden 50 Werste von der Grenze entfernte. Durch diesen schrecklichen Ukas sollte Dreifaches bewirkt werden: erstens die Grenze nicht mehr jüdisch-polnisch, sondern russisch werden, zweitens die Juden, die aus ihren Sitzen herausgeriffen werden, an den Bettelstab gebracht, dem Hungertode preisgegeben werden, zugleich aber auch die Gouvernements, in denen die Juden wohnen dürfen, noch mehr von ihnen überfüllt werden, und die Juden sich so selbst erdrücken, daß sie, um frei zu werden, sich taufen müßten.; drittens überhaupt den Juden klar* gezeigt werden, was sie eigentlich zu erwarten hätten. Zwar schob man, um in den Augen Europa's einen Vorwand zu haben, die Schmuggelei vor; aber die Minister stellten selbst vor, daß diese durchaus nicht vermittelst jener Maßregel ausgerottet würde, daß außer vielen kleinen, allein 16 große Handelsstädte ruinirt, die Krone einen jährlichen Verlust von 1,460>000 S. R. erleiden würde rc., die Juden selbst erboten sich, einen Bann auf das Schmuggeln zu legen, und sich dagegen zu verbinden — nichts half, es wurden einige Erleichterungen dekretirt, die aber nur Schein sind, was wir hier leicht erweisen könnten, weno es nicht zu weit führen würde. Europa war empört, England und Frankreich sprachen sich wiederholt gegen diese, alle Menschlichkeit beseitigende Maßregel aus — allein es war nur der Anfang zu viel Schlimmerem. Europa dachte sich bei diesem Ukase den Kaiser in Zorn, und suchte diesen zu besänftigen — o der Täuschung! Der Kaiser zürnt nicht,, es ist Absicht, wohl überlegte Absicht, er will .zum Ziele kommen, und sollten Millionen Menschen darüber zu Grunde gehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.